Sonstige Erkrankungen

Pododermatitis

Ein unter Kaninchen weit verbreitetes Krankheitsbild ist die Pododermatitis - d.h. Fußsohlenentzündung - der Hinterläufe. Meist handelt es sich um eine Sekundärerkrankung bei Tieren, die bereits unter einem anderen Gesundheitsproblem leiden oder suboptimal gehalten werden.

Ursachen

Mögliche Ursachen, von denen oft mehrere miteinander kombiniert vorliegen, sind:

Verfilzungen an den Fußsohlen führen zu Druckstellen und mit der Zeit zu Hautentzündungen. Langhaarige Kaninchen sind mit der Fellpflege oft überfordert, wodurch entsprechende Filzknoten entstehen. Weiterhin betroffen sind Tiere, die generell Probleme damit haben, sich zu putzen, z.B. durch massives Übergewicht, Schmerzen in der Wirbelsäule oder in den Gliedmaßen, Schneidezahn- oder Gleichgewichtsprobleme.

Übergewicht führt einerseits direkt zu einer erhöhten Druckbelastung auf die Fußsohlen, andererseits zu einer verminderten Aktivität, wodurch die Tiere "Sitzschwielen" entwickeln - denn während das Hoppeln auf den Zehen erfolgt, werden beim Sitzen die Fußsohlen belastet.

Starkes Untergewicht, z.B. bei chronischen Nieren- oder Tumorpatienten, führt zu einem Verlust der Fettpolster an den Füßen, wodurch ebenfalls Druckstellen entstehen.

Zu lange Krallen wirken auf den ersten Blick wie ein Schönheitsfehler, können jedoch ernsthafte Folgen haben, wenn sie häufig oder langfristig so hingenommen werden. Insbesondere, wenn die Kaninchen auf hartem, nicht-elastischem Boden (Stein, Beton, PVC, Laminat, ...) hoppeln, d.h. die Krallen nicht darin "versinken" (wie auf Naturboden, Einstreu oder Teppich / Decken), kommt es zu einer Fehlbelastung der Füße, da sie zunehmend "nach hinten kippen" und immer mehr Gewicht von den Zehen auf die Fußsohlen verlagert wird.

Bei der wöchentlichen Gesundheitskontrolle sollten daher immer auch die Krallen angeschaut werden. Sind bereits mehrere Milimeter sichtbar, die über den durchbluteten Bereich hinausgehen, spitz aus der Fußbehaarung hervorstehen oder gebogen wachsen, sollten sie abgeknipst werden. Je nach Untergrund und individuellem Grabeverhalten kann das Krallenschneiden alle paar Wochen, Monate oder nie notwendig sein.

Auch eine unnatürliche Körper- oder Gliedmaßenhaltung kann langfristig zu einer Fehlbelastung der Füße führen. Hierfür sind meist Schmerzen die Ursache, z.B. Arthrosen, Spondylosen oder Entzündungen im Skelettsystem.

Inkontinenz führt meist zu einem permanenten Einnässen, wodurch auch die Fußsohlen vermehrt mit Urin in Kontakt kommen. Der Harnstoff reizt die Haut.

Verdauungserkrankungen wie Durchfall oder Nichtaufnahme des Blinddarmkots führen dazu, dass das Kaninchen in seinen Hinterlassenschaften sitzen bleibt und seine Fußsohlen entsprechend damit verkleben. Die entstehenden Kotkrusten führen zu Druckstellen und Hautreizungen.

Auch Hygienemängel haben verschmutzte Fußsohlen zur Folge. Durch zu selten gereinigte Toiletten, Schutzhütten oder sonstige eingestreute Bereiche verkleben die Fußsohlen mit Kot und Urin.

Haltungsfehler, die ebenfalls zu "Sitzschwielen" führen, sind z.B. Platzmangel- und Beschäftigungsmangel (wodurch die Kaninchen vermehrt sitzen, anstatt zu hoppeln) und fehlende weiche (eingestreute oder gepolsterte) Rückzugsorte.

Chronische Grunderkrankungen schwächen das Immunsystem, was sich auch auf die Qualität von Fell und Haut auswirkt. Es kommt schneller zu Hautreizungen, und das Risiko, dass diese sich bakteriell entzünden, ist höher als bei gesunden Tieren.

Immunsuppressive Medikamente haben denselben Effekt. Zudem ist eine Ausdünnung der Haut eine bekannte Nebenwirkung z.B. von Cortison, welches in der Kaninchenmedizin bei Thymom- und Krebspatienten Anwendung findet.

Eine schmerzbedingte Entlastung oder Amputation eines Hinterbeins führt - logischerweise - zu einer Mehrbelastung des jeweils anderen Hinterbeins. Ist also nur einer der Füße betroffen, sollte unbedingt untersucht werden, ob auf der jeweils anderen Seite - in der Gliedmaße selber, der Hüfte oder der Wirbelsäule - eine schmerzhafte Grunderkrankung vorliegt!

Zur eitrigen Entzündung kommt es erst, wenn die Pododermatitis längere Zeit unbemerkt / unbehandelt bleibt. Die Hautreizungen führen dann mit der Zeit zu offenen Wunden, in die sekundär Bakterien eindringen und zur Eiterbildung führen. Die Therapie ist dann erheblich schwieriger und langwieriger als im Anfangsstadium!

In sehr schweren Fällen - meist bei massiv verwahrlosten Tieren - hat die Entzündung bereits auf den Knochen und die Gelenke übergegriffen. Ist dies beidseitig der Fall, bleibt meist nur noch die Euthanasie.

Symptomatik

Zum wöchentlichen Gesundheitscheck gehört es auch, die Fußsohlen seiner Kaninchen genau unter die Lupe zu nehmen. Nur so lassen sich Pododermatiden bereits im Anfangsstadium, wenn die Kaninchen noch keine (deutlichen) Symptome zeigen, feststellen.

Setzen Sie das Tier so auf Ihren Schoß, dass es nur auf seinem Hinterteil sitzt und sein Rücken an Ihrem Körper lehnt. Einfacher klappt es zu zweit. Scheiteln Sie vorsichtig das Fell an den Fußsohlen und begutachten Sie die Haut. Verfilzte Haare sollten vorsichtig mit den Fingern auseinandergezogen werden, anschließend wird das Fell "aufgebauscht", sodass es wieder ein weiches, angenehmes Hautpolster ergibt.

Symptome einer Pododermatitis sind:

Mögliche Auffälligkeiten im Verhalten, die immer (auch) Anlass zu einer sofortigen Begutachtung der Fußsohlen bieten, sind:

Diagnostik: Pododermatitis

Die Diagnose ist meist schon durch Betrachtung eindeutig. Um im Falle einer eitrigen Pododermatitis deren Ausmaß im Innern der Gliedmaße beurteilen zu können, eignet sich Röngendiagnostik oder besser eine Computertomographie.

Ist im Falle einer Schwellung unklar, ob es sich tatsächlich um einen Abszess handelt, kann ein Punktat entnommen und unter dem Mikroskop angeschaut werden.

Therapie

Schmerzmittel

Ein Schmerzmittel ist in jedem Fall notwendig - je weiter fortgeschritten die Pododermatitis, desto schmerzhafter ist sie. Generell eignen sich NSAIDs (nicht-steroidale Antiphlogistika), da sie eine entzündungshemmende Komponente beinhalten.

Vorsicht geboten ist bei EC-positiven Kaninchen (E. cuniculi- / Enzephalitozoonose-positiv), da bei ihnen grundsätzlich von vorbelasteten Nieren ausgegangen werden muss und NSAIDs die Nierendurchblutung zusätzlich beeinträchtigen. Im Falle einer bereits diagnostizierten chronischen Niereninsuffizienz ist unbedingt sorgfältig abzuwägen, inwieweit die Vorteile eines NSAID gegenüber den Risiken überwiegen, und die Dosis sowie Behandlungsdauer anzupassen. Auch sollten EC-positive sowie nierenkranke Kaninchen während des Behandlungszeitraums täglich Infusionen bekommen, um die Nierendurchblutung zu fördern.

Bei Kaninchen mit einem empfindlichen / angeschlagenen Magen-Darm-Trakt sollten NSAIDs möglichst gering dosiert, kurzfristig und in Kombination mit Magenschutzpräparaten eingesetzt werden, um einer Magenschleimhautentzündung vorzubeugen. Auch hier ist allerdings zu bedenken, dass Magenschutzpräparate meist nierenbelastend sind.

Ergänzend oder alternativ zu NSAIDs kann z.B. Metamizol angewandt werden, das zwar nicht entzündungshemmend, aber sehr gut zentral schmerzlindernd ist. Ein noch stärkeres, nierenschonendes Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide ist Tramadol, welches Sie über ein tierärztliches Rezept in der Humanapotheke bekommen.

Antibiotikum und Pro-/Präbiotikum

Im Falle offener Wunden ist ein Antibiotikum wichtig, da durch die zerstörte Hautbarriere Bakterien eindringen und sich vermehren. Hierdurch entstehen bzw. verschlimmern sich eitrige Infektionen.

Parallel zum Antibiotikum empfiehlt sich ein Pro- und Präbiotikum, um die Darmflora zu unterstützen. Anti- und Probiotikum müssen mindestens zwei Stunden zeitversetzt verabreicht werden, damit das Antibiotikum nicht die im Probiotikum enthaltenen Bakterien bereits im Magen wieder abtötet.

Fußpflege

Im Falle von Abszessen können - neben der regelmäßigen Wundversorgung durch den Tierarzt - Fußbäder notwendig sein, um den Eiter zu verflüssigen und somit sein Abfließen zu erleichtern. Nach tierärztlicher Anleitung können Sie diese Pflegemaßnahme zu Hause durchführen. Nach dem Fußbad sollten die Fußsohlen behutsam mit weichen Tüchern "trockengedrückt" werden, ehe der Patient wieder einen eingestreuten, sandigen oder erdigen Bereich betritt.

Sind die Abszesse soweit ausgeheilt, dass kein Eiter mehr nachkommt, können für die Wundpflege anstelle der Fußbäder desinfizierende Tücher oder Sprays (z.B. Chlorhexidin) verwendet werden. Zuvor ist es wichtig, Schmutz mit einem feuchten Tuch vorsichtig zu entfernen, sodass das Desinfektionsmittel auch wirklich unmittelbar auf die Wunden gelangt.

Salben können desinfizierend wirken und die Wundheilung fördern. Fetthaltige Salben sollten nur dann aufgetragen werden,  wenn im Anschluss ein Pfotenverband angelegt wird. Anderenfalls bleiben Streupartikel an den Fußsohlen kleben und können die Entzündung noch verschlimmern.

Pfotenverbände werden von Kaninchen schlecht toleriert, weswegen sie nur zum Einsatz kommen sollten, wenn die Wunden tatsächlich offen sind und somit die Gefahr besteht, dass (zusätzliche) Keime eindringen. Meist werden die Verbände binnen kürzester Zeit heruntergebastelt. Dann ist es notwendig, verschiedene Varianten auszutesten - bis man eine Möglichkeit gefunden hat, die der Patient akzeptiert. Wichtig bei jeder Art von Verband ist, dass die Wunden dadurch keine Mehrbelastung erfahren - das heißt, es darf keinesfalls nur der entzündete Bereich eingewickelt werden. Ansonsten wird der Fuß an genau der Stelle "dicker" und vermehrt druckbelastet, wo er eigentlich entlastet werden müsste!

Babysöckchen oder einzelne Handschuhfinger können wie Söckchen über die Pfote gezogen und mit Tape am Bein fixiert werden. Stoffhandschuhe sind ein schönes Polster und stören die Kaninchen weniger als dicke, wasserfeste Materialien. Wenn möglich, sollten letztere dennoch bevorzugt werden, da sie die Füße wunderbar trocken halten.

Im Falle von Pfotenverbänden lassen Sie sich genau erklären, wie sie anzulegen sind - hier müssen a) eine gute Schutzfunktion und Befestigung, b) eine Vermeidung weiterer Hautreizungen (z.B. durch fehlende Polsterung oder zu feste Verbände) und c) eine weiterhin problemlose Fortbewegung des Kaninchens gewährleistet sein.

Blasenpflaster können je nach Ausmaß und Schweregrad hilfreich sein, evtl. auch als Alternative zum Pfotenverband, wenn das Kaninchen ihn gar nicht toleriert.

Achten Sie unbedingt auch auf eine gute "Polsterung" der Fußsohlen. Das Fell sollte mehrmals täglich "aufgeflauscht" und bei Bedarf gekämmt werden, Verfilzungen müssen umgehend vorsichtig mit den Fingern gelöst werden. Keinesfalls dürfen grundlos Haare entfernt werden! Damit ginge die allgemein, ganz besonders aber bei bereits vorhandenen Hautproblemen wichtige Polsterfunktion verloren und das Kaninchen säße mit den "nackten" Wunden auf dem Boden.

Haltungsmanagement

Neben der Wundpflege sind angepasste Haltungsbedingungen absolut unumgänglich, damit die Pfoten eine Chance haben, zu verheilen. Der Boden muss einerseits so weich und elastisch, andererseits so hygienisch und trocken wie möglich sein! So sind Holzpellets zwar ideal, um Urin zu binden, sodass die Wunden nicht damit in Kontakt kommen - aber viel zu hart; Decken, flauschige Teppiche o.ä. hingegen sind zwar wunderbar elastisch, jedoch völlig ungeeignet bei Kaninchen, die sie als Toilette "fehlinterpretieren", da Nässe und insbesondere Kontakt mit Urin absolut kontraproduktiv für offenen Wunden sind!

Bei (auf weichem Untergrund) nicht-stubenreinen Kaninchen muss die komplette Fläche mit dicker, weicher und saugfähiger Einstreu gepolstert werden. Über die saugfähige Einstreu wird optimalerweise eine Schicht weiches, zartes Heu oder Stroh gegeben, da sich die Kaninchen darauf wohler fühlen und es nicht dazu neigt, an den Wunden "kleben" zu bleiben.

Bei Außenhaltung ist eine komplette Überdachung des Geheges oder Balkons notwendig, alternativ müssen nicht-überdachte Bereiche unzugänglich gemacht werden. Das Hoppeln auf regennassem Boden oder im Schnee ist für wunde Fußsohlen ein No-Go! Ein trockener Naturboden (Erde, Rasen oder Wiese) ist hingegen ideal geeignet, da er gleichzeitig schön weich ist und der Urin problemlos abfließt.

Sofern die Kaninchen nicht bereits rund um die Uhr mehrere Quadratmeter Fläche zur Verfügung haben, muss dies spätestens jetzt dringend nachgeholt werden - denn Pododermatiden sind im Prinzip "Sitzschwielen"; während beim Sitzen ein großer Teil des Körpergewichts auf den hinteren Fußsohlen lastet, kommen beim Hoppeln lediglich die Zehen mit dem Boden in Kontakt. Hoppeln ist daher die optimale Schonung für wunde Füße!

Eine möglichst vielseitige Einrichtung und möglichst täglich kleine Veränderungen animieren die Kaninchen zur Bewegung und verkürzen die Zeit, die sie sitzend verbringen. Letztlich lässt sich hiermit auch eine Gewichtsabnahme bei übergewichtigen Tieren erzielen, und jedes Gramm Körpergewicht weniger kommt den Fußsohlen zugute.

Hingegen müssen massiv untergewichtige Kaninchen mit kalorienhaltiger Kost (Wurzelgemüse, Saaten, Getreideflocken, ...) zugefüttert werden.

Therapie von Grunderkrankungen

Pododermatiden sind grundsätzlich eine Sekundärerkrankung, d.h. sie entstehen immer infolge einer oder mehrerer primärer Problematiken. Neben Haltungsfehlern (s.o.), Adipositas oder einer bereits bekannten Primärerkrankung kann auch eine versteckte Grunderkrankung ursächlich sein.

Sollte eines Ihrer Kaninchen aus unerklärlichen Gründen an einer Pododermatitis leiden, ist es unbedingt ratsam, dem auf den Grund zu gehen. Chronische Entzündungsprozesse, hormonelle Inbalancen, Tumore und Organfunktionsstörungen (z.B. Darmparasiten, Zahnwurzel-, Ohren- oder Gebärmutterentzündungen, Thymome, Niereninsuffizienzen, ...) schwächen langfristig das Immunsystem und können bereits vor dem Auftreten spezifischer Symptome zu Pododermatiden führen. Blut-, Röntgen- und evtl. Ultraschalldiagnostik sind hier zielführend, um das Grundproblem erkennen und behandeln zu können.

Prognose

Die Prognose ist grundsätzlich gut, wenn die Pododermatitis frühzeitig erkannt, behandelt und konsequent gegen die ursächliche Problematik vorgegangen wird. Je später und je inkonsequenter gehandelt wird, desto schwieriger und langwieriger gestaltet sich die Therapie. Im Falle einer einseitigen Knochenbeteiligung bleibt oft nur die Amputation der betroffenen Gliedmaße, bei einer beidseitigen ist meist die Euthanasie notwendig.

Prophylaxe