Diese Futtermittel schaden Zähnen und Gesundheit

Getreide?

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Während Getreide aller Art über viele Jahrzehnte völlig bedenkenlos gefüttert wurden, ist heute oftmals das Gegenteil der Fall: Es wird mittlerweile gerne als das größte und einzige Übel in der Kaninchenfütterung bezeichnet. Dies hat zur Folge, dass anderweitige Fütterungsfehler nicht erkannt werden.

Hinzu kommt, dass viele Personen, die allgemein von einer "getreidefreien Ernährung" sprechen, zugleich Saaten als Päppelfutter verwenden, während des Fellwechsels Leinsamen füttern sowie diverse Gräser von der Wiese anbieten, die zum Teil ebenfalls zum Getreide gehören – als „Wiesengrün“ aber zugleich zum Grundfutter des Kaninchens gehören.

Beim Thema Getreide muss man also schon etwas genauer hinschauen, um zu beurteilen, ob das jeweilige Nahrungsmittel dem Tier schadet oder nicht.

Ist Getreide ein artgerechtes Futtermittel?

Leider gehören regelrechte „Horrorgeschichten“ in Bezug auf Getreide mittlerweile auch in Tierarztpraxen und unter Tierschützern zur Tagesordnung. Gerne wird die komplette Abkehr vom Getreide auch damit begründet, dass es kein natürliches Futtermittel des Kaninchens sei. Immerhin befänden sich die Ähren in einer Höhe, die für ein Wildkaninchen gar nicht erreichbar sei.

Natürlich versteht sich von selbst, dass ein Kaninchen lediglich den Halm anzuknabbern braucht, um ihn zu Fall zu bringen und damit auch die Spitzen zu erreichen. Andere Kaninchen knicken den Halm sogar ganz gezielt mit den Vorderfüßen zu Boden, um direkt an die begehrte Ähre zu gelangen. Nicht umsonst ist das Kaninchen im herbstlichen Getreidefeld ein recht ungebetener Gast.

Auf der anderen Seite stehen Getreidefelder einem Wildkaninchen zeitlich nur sehr begrenzt (im Spätsommer und Herbst) zur Verfügung. Zudem handelt es sich bei Getreidefeldern um von Menschenhand angelegte Monokulturen, wodurch sie in dieser Form keineswegs als „natürlich“ zu betrachten sind.

Sicherlich würde ein Wildkaninchen auch trockenes Brot und handelsübliches Trockenfutter verzehren - das macht diese Futterarten aber noch lange nicht gesünder. Aufgrund ihrer "Unnatürlichkeit" fehlen dem Kaninchen hier schlichtweg die warnenden Instinkte. Dass ein Kaninchen - auch ein Wildkaninchen! - ein Futtermittel gerne frisst, hat also nicht viel zu sagen, wenn es dafür überhaupt keine Instinkte haben kann.

Dass Wildkaninchen offenbar keinen Schaden durch das von ihnen verzehrte Getreide liegen, ist vermutlich dadurch begründet, dass es erstens nur eine begrenzte Zeit im Jahr verfügbar ist; zweitens, dass neben dem Getreide immer auch reichlich Gräser, Kräuter und begrünte Zweige zur Verfügung stehen und den übermäßigen Verzehr von Getreide verhindern; und drittens, dass Wildkaninchen in der Regel kein hohes Alter erreichen, weshalb gesundheitliche Langzeitschäden bei ihnen keine große Rolle spielen.

Regeln für die Getreidefütterung

In der Getreidefütterung gibt es einige Grundregeln, die beachtet werden müssen, um organischen Spätfolgen und akuten sowie chronischen Erkrankungen vorzubeugen. Zusammengefasst:

Welche Arten sind geeignet?

Die Ähren von Roggen und Weizen sollten grundsätzlich nicht verfüttert werden.

Das enthaltene Gluten ist in einer Form zusammengesetzt, die vom Kaninchen schlecht vertragen wird. Sie führt oftmals zu chronischen Verdauungsstörungen, i.B. zu Durchfällen, Frischfutter-Unverträglichkeiten und einem "Kippen" des Darmmilieus mit der Folge von Krankheitsausbrüchen. Die grünen Halme ohne Ähren sind hingegen unproblematisch.

Ausgesprochen gut vertragen wird Hafer - insbesondere, solange er noch grün ist. Der stärkehaltige Mehlkörper ist dann noch nicht ausgereift, d.h. die rohfaserhaltige Hülle überwiegt. Auch Gerste und Dinkel sind ein gut verträgliches Energiefutter.

Denken Sie jedoch immer daran, dass auch die gut verträglichen Sorten nur in sehr kleinen Mengen verfüttert werden sollten.

In welcher Form darf Getreide verfüttert werden?

Verarbeitetes Getreide enthält keine intakte Rohfaser mehr. Die fein zermahlene Struktur ist so hochverdaulich, dass sie komplett in den Blinddarm gelangt; natürliches Futter hingegen besteht zu einem großen Teil aus unverdaulicher Rohfaser, die schnell durch den Darm transportiert wird und ihn dadurch in Schwung hält.

Die großen Mengen hochverdaulicher Futterbestandteile führen zu einer Darmträgheit, die sowohl zu Verstopfung infolge der langen Verweildauer als auch zu Durchfall infolge der beeinträchtigten Darmflora führen kann. In beiden Fällen sind außerdem Aufgasungen möglich.

Durch die extreme Energieversorgung der Darmflora werden große Mengen an Blinddarmkot produziert, die das Kaninchen oft nicht vollständig verzehrt. In der Folge bleibt der Kot oft als schmierige, übelriechende "Platte" am Anogenitalbereich, am Bauch, den Innenseiten der Oberschenkel und der Fußsohlen kleben. Der Besitzer geht dann oft fälschlicherweise von Durchfall aus.

Verzichten Sie daher in jedem Fall auf handelsübliche Leckerlis, Pellets, Mehlprodukte usw. - auch in kleinen Mengen. Die Verdauung des Kaninchens ist vielfach empfindlicher als die des Menschen; daher ist beim "Naschen" deutlich mehr Vorsicht angezeigt.

Durch ihren hohen Energiegehalt fördert verarbeitetes Getreide weiterhin Übergewicht. Die fehlende Rohfaser erhöht das Risiko für einen mangelnden Zahnabrieb. Futter in "Brockenform" (Pellets, Leckerlis) wird außerdem durch fehlerhafte Kaubewegungen (Quetschen statt Mahlen) zerkleinert, wodurch nicht nur der Zahnabrieb ausbleibt, sondern auch die Zahnwurzeln belastet werden und sich entzünden können.

Naturbelassenes Getreide: Naturbelassenes Getreide, vorzugsweise in Form kompletter Ähren, wird gut vertragen und darf in kleinen Mengen den Speiseplan ergänzen.

Getreide besteht aus dem stärkehaltigen sogenannten Mehlkörper sowie der rohfaserreichen Hülle (dem Spelz). Füttern Sie Getreide möglichst im Spelz, damit die Kaninchen parallel zu den Kohlenhydraten auch strukturierte Rohfaser zu sich nehmen. Dadurch wird der Verdauungsvorgang aufrechterhalten und der Zahnabrieb gefördert.

Besonders empfehlenswert sind ganze Ähren. Diese sollten vorzugsweise noch grün sein; der Mehlkörper ist hier noch nicht vollständig ausgereift, enthält also weniger Stärke. Das Darmmileu wird dadurch geschont.

Für untergewichtige Kaninchen stellt naturbelassenes Getreide ein gutes Päppelfutter dar, solange Sie es mit der Menge nicht übertreiben. Übergewichtige Tiere sollten hingegen gar kein Getreide erhalten.

Getreideflocken: Bei Getreideflocken handelt es sich um gepresste Getreidekörner. Die beim Bearbeitungsvorgang entstehende Wärme hat eine höhere Verdaulichkeit der enthaltenen Kohlenhydrate zur Folge.

Getreideflocken werden daher als Energielieferant für untergewichtige oder geschwächte Kaninchen verwendet. Füttern Sie jedoch nicht mehr als einige Löffel täglich, da eine übermäßige Kohlenhydratzufuhr das Darmmilieu massiv stören kann.

Gesunde, normalgewichtige Kaninchen sollten keine Getreideflocken erhalten.

Saaten werden von Kaninchen sehr gerne gefressen. Allerdings meinen es auch Besitzer, die eigentlich auf eine artgerechte Ernährung Wert legen, oft zu gut: Kein Kaninchen benötigt gleich eine ganze Hand voll oder gar näpfeweise Saaten!

Saaten sind kleine Energiebomben, die fast ausschließlich aus Fett und Proteinen bestehen. Sie dürfen einem untergewichtigen Tier in sehr kleinen Mengen aus der Hand gefüttert werden (maximal 1 TL / kg / Tag). Ölsaaten können währen des Fellwechsels in derselben Menge gefüttert werden, um die Ausscheidung verschluckter Haare zu unterstützen, sofern das Kaninchen nicht zu dick ist. Bitte gerade in diesem Fall daran denken, dass weniger mehr ist: Ein Kaninchen, das durch große Mengen Saaten pappsatt ist, wird entsprechend weniger Grünfutter fressen. Gerade Flüssigkeit und Rohfaser sind aber sehr wichtig, damit die Haare auf natürliche Weise durch den Darm gelangen!

Alle anderen Kaninchen können einzelne (!) Saaten als Belohnung erhalten, zum Beispiel einen Sonnenblumenkern.

Das wirkt wenig? Bedenken Sie, dass ein 60-kg-Mensch das Dreißigfache von einem 2-kg-Kaninchen wiegt. Eine Handvoll Saaten für ein Kaninchen sind somit in etwa mit 30 Handvoll für einen Menschen gleichzusetzen!

Im Übermaß führen Saaten nicht nur zu Fettleibigkeit, sondern können viele weitere Probleme mit sich bringen: Der hohe Proteingehalt kann dazu führen, dass das Kaninchen seinen Blinddarmkot nicht mehr aufnimmt (da es ihn als Proteinquelle nicht mehr benötigt), sodass es häufig zu Verklebungen am Anogenitalbereich, an den Innenseiten der Oberschenkel, an den Füßen und am Bauch kommt; viele Besitzer gehen dann fälschlicherweise von Durchfall aus.

Durch ihre harte Konsistenz belasten Saaten die Backenzähne: Anstatt sie wie Grünfutter und Heu durch physiologische, mahlende Kaubewegungen zu zerkleinern, zerquetscht das Kaninchen sie zwischen seinen Backenzähnen. Der Druck auf die Zahnwurzeln kann dazu führen, dass sie retrograd wachsen, d.h. sich weiter in den Kieferknochen verlagern. Harte Futterbrocken sind dadurch die Ursache für Zahnwurzelentzündungen und -abszesse beim Kaninchen.

Letztlich nehmen Kaninchen, nachdem sie größere Mengen Saaten verzehrt haben, sättigungsbedingt zu wenig rohfaserhaltige Nahrung (Blätter, Kräuter, Gräser) auf. Verdauungs- und Zahnprobleme sind dann schon allein aus diesem Grunde vorprogrammert.

Achtung: Stark quellfähige Sorten wie Chia- und Leinsaaten müssen vor dem Verfüttern eingeweicht werden! Dieser Hinweis steht sogar für Menschen bereits auf der Verpackung, da ansonsten das Risiko von Verstopfungen und Darmverschlüssen besteht. Beim Kaninchen mit seinen entsprechend schmaleren Darmschlingen und seinem allgemein empfindlichen Verdauungstrakt gilt das natürlich ganz besonders; vor allem bei Tieren, die aufgrund von abgeschluckten Haaren ohnehin bereits zu Verstopfung neigen.

Welche Folgen hat eine fehlerhafte Getreidefütterung?

Zahnproblematiken

Aufgrund seiner Energiedichte hat Getreide ein schnell einsetzendes Sättigungsgefühl zur Folge. Dadurch fressen die Kaninchen nicht nur insgesamt vergleichsweise wenig, sondern nehmen vor allem viel zu wenig rohfaserhaltiges Grün- und Raufutter auf. Für den durch ausführliche, mahlende Kaubewegungen erfolgenden Zahnabrieb ist energiearme, rohfaserhaltige Nahrung (Gräser, Blätter, Kräuter, Zweige, Heu, Stroh) unerlässlich. Somit kann es durch eine zu nahrhafte Ernährung zu Zahnüberwuchs kommen.

Saaten und andere harte Futterbrocken werden nicht durch mahlende, sondern durch quetschende Kaubewegungen zerkleinert. Der Zahnabschliff bleibt dabei aus; gleichzeitig werden die Zahnwurzeln durch die unphysiologischen Druckverhältnisse belastet, wodurch die Entstehung von Zahnwurzelentzündungen und Kieferabszessen stark gefördert wird.

Verdauungsprobleme

Ein hoher Rohfasergehalt in der Nahrung ist unerlässlich: Die grobe Rohfaser wird zügig wieder ausgeschieden und hält dadurch die Verdauung in Schwung. Feine Rohfaserpartikel gelangen hingegen in den Blinddarm und dienen den dortigen Bakterien als Nahrungsquelle. Ein hoher Kohlenhydratgehalt in der Nahrung ist für ein Kaninchen unnatürlich und dann die empfindliche Darmflora aus dem Gleichgewicht bringen; insbesondere, wenn gleichzeitig nur wenig Rohfaser aufgenommen wird. Dies ist bei Getreide ohne Spelz, Getreideflocken und Mehlprodukten der Fall. Das mögliche Resultat sind Aufgasungen und Durchfall oder Verstopfung sowie eine Überproduktion von Blinddarmkot.

Werden Mehlprodukte oder aus fein zermahlener Rohfaser gepresste Pellets gefressen, können sie im Magen-Darm-Trakt aufquellen. Magenüberladungen, Verstopfungen und Darmverschlüsse sind mögliche Folgen. Dasselbe gilt für nicht eingeweichte Chia- und Leinsamen.

Saaten besitzen einen hohen Proteingehalt, der beim Kaninchen den Anreiz senkt, seinen Blinddarmkot zu fressen. Dieser bleibt dann oft am Körper kleben (s.o.).

Fettleibigkeit

Kaninchen sind von Natur aus an energiearme Nahrung angepasst. Nahrhafte Kost lässt sie schnell verfetten; insbesondere unsere Hauskaninchen, die sich zwangsläufig weniger bewegen als ihre wilden Verwandten und keine Energie für die Fortpflanzung verbrennen.

Fettleibigkeit führt beim Kaninchen teilweise zu denselben Problemen und Erkrankungen wie bei anderen Tieren einschließlich des Menschen (Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Arthrose, Verstopfungsneigung usw.) und sogar noch zu vielen weiteren: Blasengrieß und Pododermatitis (Fußsohlenentzündungen) gehören beim Kaninchen zu den typischen Folgen von Übergewicht. Dazu kommt eine extreme Neigung zu verschiedenen Verdauungsproblemen, da die Darmschlingen und der Blinddarm durch die Fettmassen verdrängt werden.

Auch das Risiko, während einer Narkose oder in einer Stresssituation einen akuten Herztod zu erleiden, ist bei übergewichtigen Kaninchen sehr hoch: Denn Kaninchen besitzen schon von Natur aus einen im Verhältnis zum Bauchraum sehr kleinen Brustkorb. Wird dieses Verhältnis durch übermäßige Fetteinlagerungen ins Extreme getrieben, kann das vergleichsweise kleine und leichte Herz keine zusätzlichen Belastungen mehr kompensieren.

Da stark übergewichtige Kaninchen sich nicht mehr am ganzen Körper putzen und ihren Blinddarmkot aufnehmen können, kommt es zu weiteren Problemen wie Haut- und Fellerkrankungen.

Übergewichtige Kaninchen sind weiterhin anfällig gegenüber akutem Leberversagen: Werden sie auf eine Radikaldiät gesetzt oder nehmen krankheitsbedingt plötzlich ab, wird die Leber so massiv mit eingeschmolzenen Fettsäuren überschwemmt, dass sie komplett „kollabieren“ kann – mit tödlichem Ausgang.

Fazit: Übergewicht ist beim Kaninchen absolut zu vermeiden!

INFO: Zahnerkrankungen

INFO: Fettleibigkeit

INFO: Tympanie (=Aufgasung)

INFO: Leberlipidose(=Fettleber)