Gesellschaft durch Artgenossen

Unverträglichkeiten zwischen Kaninchen

Geborgenheit durch Gesellschaft

Hier können in erster Linie drei Fälle unterschieden werden:

1. Getrennt lebende Kaninchen, die sich scheinbar nicht vergesellschaften lassen:

Häufigste Ursache sind Fehler bei der Zusammenführung und chronische Erkrankungen.

Kaninchen, die das künftige Partnertier zunächst nicht akzeptieren möchten, sind keineswegs Einzelgänger – sie gehen lediglich ihrem Instinkt nach, das eigene Revier gegen „Eindringlinge“ zu verteidigen und/oder ihre Rangordnung zu klären.

Dass die Abweisung gegenüber dem Gesellschaftsbedürfnis anfangs überwiegt, lässt sich dadurch erklären, dass ein Wildkaninchen die Gesellschaft eines Eindringlings nie brauchen würde - immerhin lebt es bereits in einer Gruppe.

Somit wird ein revierfremdes Kaninchen zunächst nicht als "Spielkamerad", sondern ausschließlich als Konkurrent bezüglich Nahrung und Partnertieren betrachtet und dementsprechend abgelehnt.

Unsere Hauskaninchen können sich nicht durch "logisches Denken" vor Augen führen, dass sie dank ihres Besitzers nicht um Ressourcen zu fürchten brauchen und der neue Artgenosse demzufolge nur Vorteile, nämlich die der Gesellschaft, mit sich bringt. Sie verhalten sich rein instinktiv - indem sie zunächst versuchen, den Fremdling aus ihrem Zuhause zu vertreiben.

Lässt man der Natur seinen Lauf, werden aus den anfänglichen Streithähnen mit der Zeit meist dicke Freunde.

Übermäßig aggressive Kaninchen, die sich auch unter optimalen Voraussetzungen mit mehreren Artgenossen nicht vergesellschaften lassen und ihnen womöglich sogar blutige Wunden zufügen, tragen in vielen Fällen eine chronische Erkrankung in sich. Solche Kaninchen sollten einem Tierarzt vorgestellt werden, um beispielsweise schmerzhafte Zahnerkrankungen und Mittelohrentzündungen (per Schädelröntgen), Gebärmuttererkrankungen (per Röntgen oder Ultraschall) und verschiedene organische Probleme (per Blutprofil) auszuschließen.

2. Kaninchen, die sich meist vertragen, aber auch immer mal wieder streiten:

Häufige Ursachen sind Platzmangel, Brunst, Futterneid.

Dies ist häufig bei gleichgeschlechtlichen Tieren, insbesondere unkastrierten Häsinnen, der Fall. Aber auch kastrierte Kaninchen, Pärchen eingeschlossen, "zicken" sich mitunter auch mal gegenseitig an.

Bei einem ausreichenden Platzangebot und sofern die Kaninchen sich nicht ernsthaft bekämpfen, sind natürliche Rangordnungsklärungen in Form von Verfolgungsjagden, Knurren, Fellausreißen und Zwicken unbedenklich und sollten nicht unterbunden werden! Unterlegene Tiere ziehen sich bevorzugt auf zweite Ebenen, z.B. Sitzbretter oder Flachdächer, zurück. Entsprechende Ausweichmöglichkeiten sollten daher immer zur Verfügung stehen.

Futterneid kann bereits bestehende Spannungen verstärken. Entgegenwirken können Sie, indem Sie mehrere Futterplätze einrichten und nie nur einem Tier einen Leckerbissen geben, sondern immer beiden gleichzeitig. Auf die Weise vermeiden Sie, dass die Tiere sich um die einzige Futterstelle oder das einzige Futterstück streiten.

Bei heftigen Auseinandersetzungen, d.h. wenn die Tiere sich ineinander verkeilen, raufen und blutig beißen, muss hingegen unverzüglich eingegriffen werden. Ein erweitertes Platzangebot mit diversen Ausweich- und Rückzugsmöglichkeiten ist anschließend unerlässlich, um künftigen Eskalationen vorzubeugen.

Die Kastration von Rammlern ist in der Heimtierhaltung grundsätzlich Pflicht, um derlei schweren Auseinandersetzungen vorzubeugen; doch auch Weibchen können mit Eintreten der Geschlechtsreife Aggressionen entwickeln, die nach einer Kastration verlangen - um sowohl die Häsin als auch ihre Artgenossen zu schützen. Unkastrierte Häsinnen, die erst nach Jahren plötzlich aggressiv werden, haben in den meisten Fällen ein Gebärmutterproblem und müssen dann zügig kastriert werden. Oft stellt sich das hormonelle Ungleichgewicht auch in Form häufiger Scheinträchtigkeiten mit Nestbau dar.

Grundsätzlich gilt: Je früher entsprechende Maßnahmen getroffen werden, desto besser stehen die Chancen, dass das aggressive Verhalten mit der Zeit wieder vollständig abgelegt wird.

in seltenen Fällen muss eine dauerhafte Trennung zwischen zwei Kaninchen erfolgen; denn wie bei uns Menschen gibt es auch unter den Kaninchen hin und wieder Individuen, die sich schlichtweg nicht mögen oder charakterlich nicht zueinander passen (z.B. zwei sehr dominante Tiere). In diesem Fall kommt es vor, dass sich die Kaninchen auch unter sehr guten Haltungsbedingungen nicht (dauerhaft) akzeptieren.

3. Kaninchen, die mit zunehmendem Alter so heftig aufeinander losgehen, dass sie getrennt gehalten werden müssen:

Häufige Ursachen sind Rivalitäten, Platzmangel, Brunst.

Zu allererst sollte bei ständigen Auseinandersetzungen immer das Platzangebot überprüft werden; denn jedes noch so soziale Lebewesen hat auch gelegentlich das Bedürfnis, für sich zu sein, und sollte diesem jederzeit nachgehen können.

Kaninchen, die auf zu engem Raum zusammenleben, reagieren nicht anders als zu ständiger Nähe gezwungene Menschen: Sie stehen unter Stress und bauen diesen durch Aggressionen gegenüber dem eigentlich geschätzten Partner ab; so können auch aus Kaninchen, die sich unter tiergerechten Umständen blendend verstehen würden, nach kurzer Zeit zwei Streithähne werden.

Als Faustregel gilt: Bei Zwergen bis kleinwüchsigen Tieren sind 2qm, bei mittelgroßen Kaninchen 3qm und bei Riesenrassen mitunter 10qm pro Tier das Minimum – und zwar 24 Stunden am Tag.

Abgesehen von der psychischen Belastung, die fehlende Rückzugsmöglichkeiten für die Tiere bedeuten, kann ein unzureichendes Platzangebot auch gefährlich werden – denn wenn eine Auseinandersetzung erst einmal eskaliert, hat das unterlegene Tier keine Fluchtmöglichkeit. Bei ausreichend Fläche hingegen sehen Verfolgungsjagden zwar zum Teil sehr wild aus, sind aber harmlos und nicht mit ernsthaften Verletzungen verbunden.

Unkastrierte Rammler beginnen sich mit Einsetzen der Geschlechtsreife meist so riegeros zu bekämpfen, dass eine gemeinsame Haltung auch bei einem großen Platzangebot lebensgefährlich wäre. Das ist völlig natürlich, da männliche Kaninchen instinktiv keinen „Konkurrenten“ in nächster Nähe dulden.

Die einzige Lösung im Sinne einer tierschutzgerechten Haltung stellt hier eine Kastration aller Böckchen dar.

Durch die Kastration nimmt man den Tieren nicht etwa, wie von manchen Haltern befürchtet, einen Teil ihrer Lebensqualität, sondern steigert diese - indem man die Tiere einerseits vor dem Leid bewahrt, ihren ständig präsenten Sexualtrieb nicht ausleben zu können, und andererseits dafür sorgt, dass sie ein unbeschwertes Gruppenleben genießen können.

Für den verantwortungsbewussten Kaninchenhalter ist die Kastration aus Tierschutzgründen unerlässlich!

Auch geschlechtsreife Häsinnen reagieren mitunter so aggressiv aufeinander, dass nur die Kastration Abhilfe schafft. Dies ist ebensowenig als Nachteil zu betrachten; abgesehen von der psychischen Erleichterung (s.o. Rammler) für die Tiere ist die prophylaktische Häsinnenkastration aus medizinischer Sicht durchaus anzuraten, um bösartigen Veränderungen der Gebärmutter vorzubeugen - die bei unkastrierten Häsinnen im mittleren bis höheren Alter mit bis zu 90%iger Wahrscheinlichkeit auftreten!