Sonstige Erkrankungen

Frakturen (=Knochenbrüche)

Ursache

Da Kaninchen über ein sehr leichtes, empfindliches Knochengerüst verfügen, kommt es bei ihnen leider relativ schnell zu Frakturen. Sie können wie beim Menschen die Folge von Stürzen oder Sprüngen aus zu großer Höhe sein – sei es vom Arm des Besitzers oder einem erhöhten Aufenthaltsort – , oftmals sind auch das Hängenbleiben mit dem Fuß in einem Gitter, wie sie z.B. in handelsüblichen Zimmerkäfigen oder Heuraufen zu finden sind, ungeeignete Fixierungsmaßnahmen (Festhalten der Hinterläufe), Getreten- oder Eingeklemmtwerden die Ursache.

Glatte Böden stellen ebenfalls eine mögliche Gefahrenquelle dar, da Kaninchen, die sich vor etwas erschrecken, beim unvermittelten Fluchtversuch darauf ausrutschen können. Noch gefährlicher sind glatte Oberflächen erhöhter Ebenen, von denen kein sicherer Absprung möglich ist. Wird ein Kaninchen an der Nackenfalte emporgehoben, kann es sich durch heftiges Strampeln die empfindliche Wirbelsäule brechen. In selteneren Fällen kann der Angriff eines Raubtiers oder ein Knochentumor ursächlich für die Fraktur sein.

Symptomatik

Frakturen sind hochgradig schmerzhaft! Betroffene Tiere meiden daher jegliche Belastung und Berührung des betroffenen Körperteils.

Besonders deutlich ist dies bei Frakturen der Gließmaßen zu erkennen, welche, sofern sich das Kaninchen überhaupt noch fortbewegt, hinterhergeschleift oder durch Anheben entlastet werden. Rippenbrüche führen zu Atembeschwerden, Wirbelsäulenfrakturen zur Querschnittslähmung und hochgradiger Schmerzhaftigkeit beim Anheben des Tieres.

Besteht der Verdacht auf eine Fraktur, achten Sie daher unbedingt darauf, den verletzten Knochen nicht zu berühren oder zu belasten! Abgesehen davon, dass Sie dem Kaninchen anderenfalls erhebliche Schmerzen zufügen und es in deren Folge sogar in einen Schockzustand verfallen kann, können sich die Knochenenden an der Bruchstelle gegeneinander verschieben und umliegendes Gewebe verletzen. Besonders gefährlich ist dies im Falle eines Rippenbruches, da das Zwerchfell durchstoßen werden kann, wodurch Luft in den Brustkorb strömen und das dortige Vakuum beseitigen würde (Pneumothorax); hierdurch könnten sich die Lungen nicht mehr entfalten, eine schwere Atemnot wäre die Folge.

Erste Hilfe

Versuchen Sie niemals, einen Knochenbruch selbstständig zu “richten”! Vermeiden Sie jegliche Form der Berührung!

Um ein Tier zu transportieren, das sich möglicherweise eine Fraktur zugezogen hat, schieben Sie eine dünne, feste Unterlage, z.B. ein Brett oder ein Tablett, unter den Körper des Kaninchens und legen dieses mit in die Transportbox oder, falls diese nicht groß genug ist, einen Karton.

Setzen Sie keinen Artgenossen mit in die Box! Durch Bewegung oder auch bloßes Anschmiegen könnte dieser den gebrochenen Knochen berühren und einerseits verschieben, andererseits das verletzte Tier in schmerzbedingte Panik versetzen.

Offene Brüche sollten Sie notdürftig vor Keimen schützen, indem Sie sie mit einem leichten, sauberen Tuch, z.B. einem frischen Kopfkissenbezug, Hand- oder Geschirrtuch, abdecken. Lassen Sie das Tuch dazu ohne jeglichen Druck auf die Wunde gleiten – es darf niemals hinaufgedrückt oder um die Gliedmaße gewickelt werden!

Diagnostik

Auch, wenn die Lahmheitsursache aufgrund des klinischen Bildes eindeutig erscheint, sind Röntgenaufnahmen in jedem Fall unerlässlich, um das Ausmaß der Verletzung beurteilen zu können. Es sind mindestens 2 Ebenen erforderlich, um Verschiebungen sicher ausschließen bzw. gut darstellen zu können. Im Falle eines offenen Bruches muss die Verletzung vor den Aufnahmen steril abgedeckt werden!

Therapie

und

oder

In jedem Fall erhält das Kaninchen ein starkes, möglichst entzündungshemmendes Analgetikum (=Schmerzmittel).

Abhängig von der Lokalisation und Art der Fraktur ist eine konservative Therapie (Stützverband, Boxenruhe, Verbandswechsel alle 3-4 Tage Röntgenkontrollen alle 2-4 Wochen bis zur kompletten Ausheilung) oder eine operative Versorgung mit anschließend zunächst täglichen, allmählich auf alle 2-14 Tage reduzierten Kontrollen notwendig.

In einigen Fällen - z.B. bei komplizierten Splitterfrakturen, Knochentumoren oder multiresistenten Bakterien in einem offenen Frakturbereich - kann die Amputation der betroffenen Gliedmaße erforderlich sein. Das klingt für den Besitzer meist schlimmer, als es ist - dreibeinige Kaninchen, vor allem kleiner oder Zwergrassen, kommen mit ihrer Behinderung i.d.R. schon nach kurzer Zeit gut zurecht und bewegen sich so sicher, dass einem Außenstehenden das fehlende Bein auf den ersten Blick gar nicht auffällt. Bei Hinterbein-amputierten Kaninchen muss ganz besonders auf ein gesundes, schlankes Gewicht geachtet werden, da die Überbelastung der verbleibenden "Nachbarpfote" ansonsten zu einer Pododermatitis (=Entzündung der Fußsohlen) führen kann. Diese Gefahr besteht auch bei Tieren größerer Rasse, die einfach anatomisch bedingt entsprechend schwerer sind. Weiterhin ist bei Amputationspatienten eventuell Hilfe bei der Ohren- oder Augenpflege notwendig, wenn auf dieser Seite das Hinterbein zum Kratzen bzw. das Vorderbein zum Putzen fehlt.

Eine operative Fixation gewährleistet das korrekte Zusammenwachsen der Knochenhälften. Diese werden i.d.R. mit Drähten aneinander fixiert, da das Festschrauben von Osteosyntheseplatten (wie es bei Katzen und Hunden Routine ist) beim Kaninchen leicht zu weiteren Splitterfrakturen der Knochen führt.

Eine knochengängige Antibiose ist nach der Operation unerlässlich, um Wundinfektionen vorzubeugen. Parallel dazu sollte ein Präbiotikum (z.B. Apfelpektin, "ProPreBac") gegeben werden, um zu vermeiden, dass die gutartige Darmflora durch das Antibiotikum abgetötet wird.

Lassen Sie sich sicherheitshalber immer einen Halskragen mit nach Hause geben, den Sie dem Kaninchen anlegen können, falls es an seinem Verband zu nagen beginnt. Plastik-Halskrägen sind für die meisten Kaninchen ein absoluter Stressfaktor, da sie damit permanent an Wände und Gegenstände stoßen, sich nicht putzen können und den Kunststoff als sehr unangenehm empfinden. Mitunter stellen sie in der Folge sogar das Fressen ein. Besser geeignet sind Stoff-Halskrägen, die dem Patienten ein angenehmeres Tragegefühl vermitteln und sich sanft "mitbiegen", wenn das Kaninchen damit anstößt. Sollte Ihr Tierarzt nur Plastik-Halskrägen vorrätig haben, sollten Sie umgehend einen Stoffkragen bestellen und den Plastikkragen schnellstmöglich damit ersetzen.

Im Falle einer konservativen Therapie ist eine mehrwöchige Boxenruhe meist unerlässlich, um ein uneingeschränktes, physiologisches Zusammenwachsen der Knochenenden zu gewährleisten.

Der Kontakt zu dem oder den Artgenossen sollte im Anschluss an die tierärztliche Versorgung bestehen bleiben. Zwar ist eine Trennung im Falle einer Boxenruhe unerlässlich, jedoch sollte zumindest durchs Gitter ein Kontakt bestehen bleiben. Bei Innenhaltung und im Sommer ist dies einfach umsetzbar, indem der Patient in einem Käfig oder sehr kleinen umzäunten Bereich untergebracht wird, welcher sich innerhalb des gewohnten Territoriums befindet. Bei Winteraußenhaltung hingegen muss das verletzte Kaninchen zwingend ins Haus geholt werden, da es durch die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten gefährlich unterkühlen könnte. Bei Paarhaltung wird der Artgenosse mit in den Innenbereich geholt und ihm ein Zimmer oder ein Innengehege zur Verfügung gestellt. Im Falle einer Dreier- oder Vierergruppe sollten alle Artgenossen mit herein geholt werden. Auch bei noch mehr Tieren wird optimalerweise die komplette Gruppe umquartiert, um zu vermeiden, dass nach der Genesung des Patienten eine neuerliche Vergesellschaftung notwendig ist. Ist dies allerdings nicht möglich, sollten neben dem verletzten Tier zwei Artgenossen hereingeholt werden, damit diesen weiterhin ein uneingeschränkter Sozialkontakt ermöglicht wird.

Prognose

Knochenoperationen sind vergleichsweise lang andauernde, nicht ganz einfache Eingriffe. Eine hochmoderne Technik, erfahrene Kaninchen-Chirurgen sowie eine intensive Nachsorge sind daher von großer Bedeutung.

Die Prognose hängt auch davon ab, wie zeitig mit der Therapie begonnen wird. So können Frakturen in schweren Fällen innere Blutungen verursachen, die nicht nur an sich gefährlich sind, sondern auch das Narkoserisiko erhöhen würden.

Prophylaxe

Einrichtungsgegenstände

Achten Sie bei sämtlichem Inventar des Kaninchenheims darauf, dass weder Einstürzen möglich ist noch eine Kipp-Gefährdung besteht! Instabile Gegenstände sind sowohl für ein darauf- als auch ein darunter oder daneben sitzendes Kaninchen sehr gefährlich.

Vor allem selbstgebaute Höhlen aus Baumbestandteilen, Pflanzsteinen usw. müssen kritisch darauf überprüft werden, ob sie Krafteinwirkungen aus allen Richtungen standhalten.

Gitter (Käfigtür, Heuraufe u.ä.) sowie kleinere Lücken, in denen die Kaninchen mit ihren Pfoten hängen bleiben könnten, müssen unbedingt sicher abgedeckt werden! Hierzu eignen sich je nach Gegenstand gut fixierte Teppichreste, Tücher oder Decken, angeschraubte oder aufgelegte Holzbretter, aufgelegte schwere Steine u.v.m..

Erhöhte Ebenen

Kaninchen dürfen niemals auf erhöhte Ebenen gesetzt und im Anschluss losgelassen werden! Ein unvermittelter Sprung vom Tisch, Fensterbrett oder - beim medizinischen Bad - aus dem Waschbecken ist binnen Bruchteilen einer Sekunde erfolgt und kann das Tier sein Leben kosten!

Besitzen Ihre Kaninchen die Möglichkeit, über "Stufen" auf Ebenen in luftiger Höhe zu gelangen, sollten diese mit einer ausreichend hohen Umrahmung aus Holz, Plastik, Draht oder Plexiglas versehen werden - zwar werden die Tiere im Normalfall auch den Abstieg über die Stufen vornehmen, jedoch ist es möglich, dass sie sich einmal vor etwas erschrecken und reflexartig die direkte Flucht antreten. Hierfür kann allein eine unerwartete Bewegung - ob durch den Menschen oder einen Artgenossen - oder ein plötzliches Geräusch ausschlaggebend sein. Gehen Sie daher auf Nummer sicher und bringen Sie überall, wo die Kaninchen nicht mit einem einzigen Sprung hinauf gelangen, eine Schutzvorrichtung an.

Sicheres Hochnehmen und Tragen

Das Hochnehmen darf nicht im Genick erfolgen! Nicht nur können Sie dem Kaninchen damit schmerzhafte Hämatome zufügen und erinnern es an einen zupackenden Räuber, sondern riskieren auch, dass es zu strampeln beginnt und sich irreparable Wirbelsäulenfrakturen zuzieht. Heben Sie das Kaninchen daher immer hoch, indem Sie seinen Brustkorb umfassen.

Zum Tragen setzen Sie das Kaninchen grundsätzlich in Ihre Armbeuge und lassen Sie die zweite Hand immer auf seinem Rücken ruhen, um es daran zu hindern, nach oben wegzuspringen - auch das ruhigste Tier springt mitunter reflexartig los, wenn es z.B. durch ein unerwartetes Geräusch erschreckt wird.

Grundsätzlich sollten Kaninchen nur auf rutschfesten Böden (Teppich, gut angerauter PVC, Naturboden, Steine, ...) hoppeln dürfen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass die Tiere - etwa wenn sie sich vor etwas erschrecken - blitzschnell die Flucht ergreifen möchten, dabei unglücklich ausrutschen und sich ernsthaft verletzen.

Besonders gefährlich sind erhöhte Ebenen, die den Kaninchen beim Abspringen keinen ausreichenden Halt bieten. Dies ist z.B. bei den Plastikdächern handelsüblicher Katzentoiletten der Fall. Achten Sie daher zumindest auf eine Platzierung direkt am Boden, da niedrige Sprünge grundsätzlich weniger gefährlich sind. Alternativ können Plastikebenen mit gut fixierten Decken, Tüchern oder Teppichresten abgedeckt werden.

Sensibilisierung der Mitmenschen

Insbesondere bei freier Wohnungshaltung ist von Seiten aller Familienmitglieder (und Besucher) eine umsichtige Fortbewegung wichtig, um keines der Kaninchen versehentlich zu treten. Türen müssen immer vorsichtig geöffnet und geschlossen und bei Durchzug gut befestigt werden. Kinder sollte beigebracht werden, die Kaninchen möglichst nie festzuhalten oder herumzutragen, sondern nur auf freiwilliger Basis am Boden zu streicheln.

Schutz gegen Räuber

Selbstverständlich muss das Kaninchenheim bei Außenhaltung hundertprozentig gegen Raubtiere wie Füchse, Marder, ferner auch Katzen, Hunde und evtl. Greifvögel gesichert werden. Aber auch Wohnungskaninchen sind mitunter gefährdet, wenn sie mit dem Hund der Familie allein gelassen werden. Das Verhältnis zwischen Kaninchen und Katzen variiert sehr stark: Viele Kaninchen haben Angst vor Katzen und ergreifen die Flucht, was den Jagdinstinkt der Katze wecken und dazu führen kann, dass sie die Kaninchen in Todesangst versetzt. Ein psychischer Schock kann sogar zum Tod des Kaninchens führen. Andersherum gibt es Kaninchen, die sich von Katzen überhaupt nicht beeindrucken lassen, was meist wiederum die Katzen verunsichert und sie zum Rückzug veranlasst. Von Katzen, die mit den Kaninchen gut "befreundet" sind, geht in aller Regel keine Gefahr aus.