Infektionskrankheiten

AKTUELL: RVHD 2 (Rabbit Viral Haemorrhagic Desease Type 2)

Erreger:

Bei der sogenannten R(V)HD-2-Seuche handelt es sich um eine mutierte Form des gemeinhin bekannten R(V)HD-Virus, die sich von Frankreich nach Deutschland ausgebreitet hat und gegen die gängige Impfstoffe keine (zuverlässige) Wirkung zeigen. Im Gegensatz zum RHHD-1-Virestamm kann RVHD-2 auch Kaninchenwelpen und Feldhasen betreffen.

Die bundesweite Ausbreitung in Deutschland wurde im Juli 2016 vom Friedrich-Löffler-Institut bestätitgt.

In diversen Gebieten ist es seither zum Massensterben von Wild- und Hauskaninchen gekommen.

Bei der Betrachtung sogenannter "Seuchenkarten" ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da die meisten Kaninchen, die überraschend versterben, nicht pathologisch untersucht werden und die Todesursache somit unbekannt bleibt.

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Sofern keine eindeutige andere Todesursache feststellbar ist, ist es von großer Bedeutung für alle Kaninchenhalter, dass überraschend verstorbene Tiere pathologisch untersucht werden!

Bei der Rabbit Haemorrhagic Disease handelt es sich um eine hochansteckende, bei ungeimpften Tieren mit nahezu 100%iger Todesrate einhergehende Virusinfektion, die ausschließlich Hasen und Kaninchen betrifft. RHD-Viren sind enorm widerstandsfähig; sie überleben unter optimalen Bedingungen, d.h. bei 4° C bis zu sieben Monate in der Umgebung, sind umempfindlich gegen gängige Desinfektionsmitteln und ändern häufig ihr Erscheinungsbild, was die gezielte Bekämpfung erschwert.

Infizierte Tiere zeigen in der Regel keine Krankheitssymptome. Häufig brechen sie buchstäblich von einer Minute auf die andere zusammen und ersticken an Lungenblutungen. In anderen Fällen ist eine binnen weniger Stunden fortschreitende Mattigkeit zu erkennen und es kommt zum Tod durch Kreislaufversagen.

Infektion

Übertragung

Direkt über

Indirekt über

Das RHD-Virus ist hochinfektiös und wird nicht nur durch den Kontakt zu infizierten Artgenossen übertragen, sondern auf jede erdenkliche Weise von Ort zu Ort weiterverbreitet. Es kann sich an Gegenständen, in Futtermitteln (Heu, Grünfutter, Fertigutter, Gemüse,...), am Körper anderen Tierarten (Insekten, Vögel, Katzen, ...) oder eines Menschen befinden. Der Gang über einen Weg oder durch eine Wiese, wo sich zuvor ein erkranktes Wildkaninchen aufgehalten hat, genügt, um es über Schuhe und Kleidung zu verschleppen. Auch Futtermittel können die Seuche übertragen, da sie bei der Herstellung und Lagerung kein Verfahren durchlaufen, welches das Virus vernichten würde. Eine Eindämmung der Ausbreitung oder ein zuverlässiger Schutz vor der Infektion ist (mit Ausnahme der Schutzimpfung) somit kaum möglich.

Symptomatik

Perakuter Krankheitsverlauf

Die Kaninchen versterben nach einer Inkubationszeit von einem bis drei Tagen meist ohne vorangegangene Symptomatik an perakuten Erstickungskrämpfen, die gelegentlich von blutigem Nasenausfluss, Schreien und einem krampfhaft in den Nacken gebogenen Kopf begleitet werden.

In anderen Fällen sind innerhalb weniger Stunden massive Schwächesymptome zu beobachten, bis es schließlich zum Tod durch Kreislauf- oder Leberversagen kommt.

Akuter Krankheitsverlauf

Es treten Symptome in Form von Nervosität, Apathie, Fressunlust, Benommenheit, Atembeschwerden, Fieber sowie evtl. Blutungen aus den Körperöffnungen auf. Zentralnervöse Ausfälle wie Ataxien (=Bewegungsstörungen), Krämpfe und Lähmungen sind ebenfalls möglich. Mitunter werden die Symptome von infolge der Hepatitis gelblich verfärbten Schleimhäuten, einem sogenannten Ikterus (=Gelbsucht), oder – im Falle einer Atemnot – von einer Zyanose, d.h. bläulich verfärbten Schleimhäuten<, begleitet. Die Tiere versterben nach einem bis fünf Tagen an akuten Erstickungskrämpfen, die durch Nasenbluten, schrille Aufschreie und einen krampfhaft in den Nacken gebogenen Kopf gekennzeichnet sind, oder innerhalb einer Woche an akutem Leberversagen.

Milder Krankheitsverlauf

Das Kaninchen zeigt ein gestörtes Allgemeinbefinden inform von leichter Apathie und Anorexie mit nachfolgender Genesung. Auch ein Ikterus infolge von Leberschädigungen ist möglich, weshalb leberschützende Medikamente (Mariendistel!) zu empfehlen sind.

Latenter Krankheitsverlauf

Einige Kaninchen scheinen eine natürliche Immunität gegen das RHD-2-Virus zu besitzen. Sie bleiben symptomlos, sind jedoch - mitunter lebenslang - mögliche Überträger und dürfen somit nur mit anderen RHD-2-immunen Kaninchen vergesellschaftet werden.

Diagnostik

Es ist dringend zu empfehlen, Kaninchen, die infolge plötzlicher Erstickungskrämpfe versterben oder die überraschend tot aufgewunden werden, pathologisch auf RHD2 untersuchen zu lassen!

Dies ist nicht nur wichtig, da in diesem Fall gründliche Desinfektionsmaßnahmen des Geheges, Balkons oder Zimmers notwendig sind, sondern auch von großer Bedeutung für die Erstellung von "Seuchenkarten". Diese beruhen auf der Information durch betroffene Besitzer und ermöglichen es, die Verbreitung der Seuche zu beobachten.

Auch dürfen an RHD verstorbene Kaninchen nicht beerdigt werden, da das Virus sich im Erdreich weiter verbreitet und andere Tiere gefährdet!

Prognose

Ungeimpfte Kaninchen, die sich mit RHD2 infizieren, versterben zu nahezu 100% an der Erkrankung. Einige wenige Tiere besitzen eine natürliche Immunität und bleiben symptomlos, scheiden das Virus jedoch weiterhin aus und müssen somit streng von gesunden Artgenossen ferngehalten werden.

Was tun mit überlebenden Artgenossen?

Besteht der Verdacht auf einen RHD-Ausbruch in Ihrer Gruppe, ist dringendes Handeln angezeigt, um das oder die verbleibenden Tiere zu retten.

Sofortmaßnahmen:

Setzen Sie die verbleibenden Tiere einzeln, d.h. ohne Gitterkontakt und möglichst in unterschiedlichen Räumen, in bisher unbekannte und somit hoffentlich "seuchenfreie" Quarantäne-Bereiche (Käfige, Boxen, Gehege, ...). Dadurch kann ein evtl. bereits infiziertes Tier die anderen nicht noch anstecken.

Desinfizieren Sie sich gründlich mit einem viruziden Desinfektionsmittel die Hände, nachdem Sie eines der Kaninchen oder einen Gegenstand, der mit ihm in Berührung gekommen ist, angefasst haben.

Bringen Sie das verstorbene Kaninchen möglichst noch taggleich in ein pathologisches Institut und lassen Sie es (inklusive Virologie!) obduzieren. Möglicherweise kann schnell Entwarnung gegeben werden und die Artgenossen können aus der Quarantäne entlassen werden. Wird jedoch ein RHD-Virus nachgewiesen, ist weiterhin allerhöchste Vorsicht und Seuchenprophylaxe angezeigt!

Was tun bei positivem / fehlendem Pathologie-Ergebnis?

Bestätigt sich der Verdacht auf eine Infektion mit RHD oder wurde das Tier nicht pathologisch untersucht, wodurch der Verdacht weiterhin im Raum steht, ist Folgendes zu beachten:

Verstorbene Tiere dürfen unter keinen Umständen beerdigt werden! Das Virus überlebt im Boden und Kadaver und gefährdet weitere Haus- sowie Wildtiere!

Desinfizieren Sie den potenziell verseuchten Bereich mit viruzidem (!) Desinfektionsmittel, z.B. 2%iger-Natronlauge, die Sie mindestens zwei Stunden lang einwirken lassen. Holz und andere Gegenstände, in die das Virus eindringen kann, können nicht zuverlässig desinfiziert werden und sollten daher entsorgt werden.

In einem Außengehege muss die Erde mindestens 30 cm hoch abgetragen werden, da das Virus auch im Boden überlebt.

Auch, wenn die Chancen im Falle einer Infektion denkbar schlecht stehen: Geben Sie den überlebenden Artgenossen sicherheitshalber vorsorglich ein leberschützendes Präparat, beispielsweise Mariendistel (als Tierarznei oder Kapsel in Drogeriemärkten erhältlich).

Die Kaninchen sollten mehrere Tage in Quarantäne bleiben, anschließend ist nicht mehr mit einem Ausbruch zu rechnen (Inkubationszeit von 1-3 Tagen). Sie sollten anschließend umgehend geimpft werden (s.u.) und anschließend in eine neue Unterkunft ziehen, zumindest, bis der Impfschutz seine volle Wirkung entfaltet hat (nach 1-2 Wochen). Wer ganz auf Nummer sicher gehen will (da es in seltenen Fällen "Impfversager" oder milde Infektionen trotz Impfschutz geben kann), lässt die vorherige Unterkunft trotzdem 7 Monate lang leer stehen, um sicherzugehen, dass auch die letzten Viren, die die Desinfektion evtl. überlebt haben, abgestorben sind.

Bei folgenden Alarmzeichen besteht, sofern nicht nach dem empfohlenen Schema geimpft wurde (s.u.), der begründete Verdacht auf RHD:

Prophylaxe

Den einzigen vernünftigen Schutz gegen RHD2 bietet eine Schutzimpfung. Diese kann mit Impfstoffen der Firmen Filavac und Eravac erfolgen.

Mittlerweile sind beide in Deutschland zugelassen und können von jedem Tierarzt schnell und unkompliziert auch in kleineren Mengen (1er- oder 10er-Dosen) bestellt werden.

Die herkömmlichen Impfstoffe gegen RHD-1, wie z.B. Cunivac, Rikkavac oder Nobivac, bieten keinen zuverlässigen Schutz vor RHD-2!

Warten Sie nicht ab, bis das RHD-2-Virus Ihren Wohnort erreicht. Der Impfstoff benötigt nach Injektion noch einmal mindestens 7 Tage, um den vollen Schutz zu bieten. Somit könnte es bereits zu spät sein, wenn erst ein Erkrankungsausbruch in der näheren Umgebung abgewartet wird.

Zudem ist von einer hohen Dunkelziffer an RHD-2-Todesfällen auszugehen (s.o.), sodass man sich keinesfalls darauf verlassen sollte, in einer "seuchenfreien" Umgebung zu leben, bloß weil die eigene Postleitzahl bislang auf keiner Liste auftaucht.

Eravac-Impfung:

Filavac-Impfung:

Beachten Sie, dass Filavac und Eravac unterschiedliche Wirkspektren und Impfschemata haben:

Der Filavac-Impfstoff schützt gegen RHD1 und RHD2. Bei Kaninchen ab einem Alter von 10 Wochen hält der Impfschutz bereits nach der ersten Impfung mindestens 6 Monate an. In Gebieten mit hohem Seuchendruck wird eine 6-monatige Auffrischimpfung empfohlen, mindestens sollte sie alle 12 Monate erfolgen. Jungtiere können auch schon ab der 4. Lebenswoche geimpft werden, in diesem Fall muss nach 6 Wochen allerdings eine Auffrischimpfung erfolgen, damit ein langfristiger Impfschutz ausgebildet wird. Filavac wird von fast allen Kaninchen hervorragend vertragen. Er kann taggleich mit Nobivac geimpft werden (separate Einstichstellen), damit ist dann auch die Myxomatose-Impfung abgedeckt.

Eravac schützt gegen RHD2, nicht jedoch gegen RHD1. Zusätzlich zu Eravac muss also ein Kombinationsimpfstoff gegen RHD1 und Myxomatose geimpft werden (vorzugsweise Nobivac). Erfahrungsgemäß führt Eravac gelegentlich zu leichten Nebenwirkungen wie Mattigkeit. Er darf ab der 4. Lebenswoche geimpft werden und muss im Abstand von 6 Wochen grundimmunisiert werden, d.h. 6 Wochen nach der ersten Impfung muss eine zweite erfolgen, um einen belastbaren Immunschutz aufzubauen. Dieser hält dann mindestens 6 Monate an. Die Auffrischimpfung sollte alle 6 Monate erfolgen.

Wichtig: Weder Filavac noch Eravac bieten einen Schutz gegen Myxomatose. Hierfür ist eine separate Impfung notwendig.

Diese kann entweder mit einem Einzelimpfstoff oder einem RHD1-Myxomatose-Kombinations-Impfstoff erfolgen. Am beliebtesten ist die Kombination Nobivac (gegen Myxomatose und RHD1) + Filavac (gegen RHD1 und RHD2), beide Impfungen dürfen taggleich appliziert werden. Die doppelte Abdeckung von RHD1 ist unproblematisch, es wird gegen alle drei Seuchen eine ausreichende Immunität aufgebaut und die Verträglichkeit ist generell sehr gut.

Da geimpfte Kaninchen in seltenen Fällen ebenfalls erkranken – wenn auch nur mild – , sind zusätzliche Maßnahmen, die das Infektionsrisiko senken, nicht verkehrt.

So reduziert die Anbringung von Fliegengittern die Anzahl an fliegenden Insekten, welche den Erreger übertragen könnten; Frischfutter wird vorzugsweise nicht in ausgesprochenen “Wildkaninchen-Gebieten” geerntet und der eigene Garten zumindest grob abgezäunt, um Wildkaninchen den Zugang zu erschweren. Nach Kontakt zu gruppenfremden Kaninchen, die immer latent (=verborgen) infiziert sein könnten (und zwar nicht nur mit RHD!), sollten die üblichen Hygienemaßnahmen inform von Händewaschen und möglichst auch Kleidungswechsel eingehalten werden; Spielzeug, Schutzhütten, Futter usw. sollten nicht zwischen sich fremden Tieren “ausgetauscht” werden.

Soll ein neues Kaninchen in die bestehende Gruppe integriert werden, sollte auch hier weder direkter noch indirekter Kontakt erfolgen, ehe die Quarantänezeit überbrückt sowie eine tierärztliche Untersuchung durchgeführt worden ist.