Infektionskrankheiten

RVHD-1 (Rabbit Viral Haemorrhagic Desease Type 1) - Chinaseuche

Erreger:

Bei der Rabbit Haemorrhagic Disease, volkstümlich auch als "Chinaseuche" bezeichnet und ausgelöst durch ein Calicivirus, handelt es sich um eine hochansteckende, bei ungeimpften Tieren mit bis zu 100%iger Todesrate einhergehende Virusinfektion, die ausschließlich Kaninchen betrifft. Das RHD-Virus ist enorm widerstandsfähig; es überlebt unter optimalen Bedingungen, d.h. bei 4° C, bis zu 225 Tage, trotzt gängigen Desinfektionsmitteln und ändert häufig sein Erscheinungsbild, was die gezielte Bekämpfung erschwert.

Nach Erkrankungsausbruch verursacht das Virus meist Hämorrhagien (= innere Blutungen), wodurch es im Endstadium zum Lungenödem (= Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) und infolgedessen zum Erstickungstod kommt. Neuerdings stehen auch das Symptom der Hepatitis (= Leberentzündung) mit der Folge von Lebernekrosen (= Absterben von Lebergewebe) sowie die Entzündung weiterer Organe im Vordergrund; die Tiere sterben dann mitunter am Organversagen.

Infektion

Übertragung

Direkt über

Indirekt über

Die Infektion erfolgt direkt (Artgenossen) oder indirekt (Stechfliegen, Mücken, Flöhe, Zecken) über lebende Vektoren sowie indirekt über tote Vektoren (kontaminierte Futterpflanzen, Streu, Einrichtungsgegenstände, Hände, Kleidung usw.). Die Seuche ist vor allem während der Sommermonate zu beobachten, während Ausbrüche im Winter vergleichsweise selten vorkommen. Kaninchen unter vier Wochen scheinen resistent gegenüber der Erkrankung zu sein, Tiere zwischen vier und neun Wochen erkranken in seltenen Fällen.

Symptomatik

Akuter Krankheitsverlauf:

Perakuter Krankheitsverlauf:

Milder Krankheitsverlauf:

 

Akuter Krankheitsverlauf

Nach einer Inkubationszeit von ein bis drei Tagen zeigen sich erste Symptome inform von Nervosität, Apathie, Fressunlust, Benommenheit, Atembeschwerden, Fieber sowie evtl. Blutungen aus den Körperöffnungen. Zentralnervöse Ausfälle wie Ataxien (=Bewegungsstörungen), Krämpfe und Lähmungen sind ebenfalls möglich. Mitunter werden die Symptome von infolge der Hepatitis gelblich verfärbten Schleimhäuten, einem sogenannten Ikterus (=Gelbsucht), oder – im Falle einer Atemnot – von einer Zyanose, d.h. bläulich verfärbten Schleimhäuten<, begleitet. Die Tiere versterben nach einem bis fünf Tagen an akuten Erstickungskrämpfen, die durch Nasenbluten, schrille Aufschreie und einen krampfhaft in den Nacken gebogenen Kopf gekennzeichnet sind, oder an akutem Leberversagen.

Perakuter Krankheitsverlauf

Das Kaninchen verstirbt ohne vorangegangene Symptomatik an unvermittelten Erstickungskrämpfen, die meist von blutigem Nasenausfluss, Schreien und einem krampfhaft in den Nacken gebogenen Kopf begleitet werden.

Milder Krankheitsverlauf

Das Kaninchen zeigt ein gestörtes Allgemeinbefinden inform von leichter Apathie und Anorexie mit nachfolgender Genesung.

Diagnostik

Die Todesursache an RHD verstorbener Tiere ist am klinischen Bild meist eindeutig erkennbar. Im Verdachtsfall können innere Blutungen und Gewebeveränderungen, insbesondere an der Leber, mithilfe der Röntgen- bzw. Ultraschalldiagnostik erkannt werden und als zusätzliches Indiz dienen. Der eindeutige Virusnachweis erfolgt anhand eines Abstriches oder einer pathologischen Gewebeuntersuchung.

Therapie

oder

Eine gezielte Heilung von RHD ist nicht möglich. Ungeimpfte Kaninchen, die akut an RHD erkranken und den Weg zum Tierarzt noch überleben, sind zu euthanasieren, um ihnen einen qualvollen Erstickungstod zu ersparen. im Falle einer milden Verlaufsformen (s.o.) sollte das betroffene Tier antiobiotisch (und infolgedessen auch präbiotisch) abgedeckt werden, um Sekundärinfektionen (= Zweitinfektionen infolge des geschwächten Immunsystems) vorzubeugen. Zudem sollte es intravenöse Infusionen erhalten (also an den Tropf gehängt werden), um den Kreislauf zu stabilisieren. Subkutane (= unter die Haut verabreichte) Infusionen sind nicht wirksam genug!

Prognose

Bei ungeimpften Kaninchen sind Therapieversuche in der Regel aussichtslos. Dem meist sehr qualvollen Tod kann nur durch eine Euthanasie vorgebeugt werden. Die milde Verlaufsform der RHD wird häufig überstanden - insbesondere, wenn der Heilungsprozess medikamentös und pflegetechnisch intensiv untersützt wird.

Hat sich ein Kaninchen von der RHD erholt, ist es dennoch weiterhin ansteckend für Artgenossen und kann auch erneut an RHD erkranken! Die Schutzimpfungen sind also keinesfalls wegen einer vermeintlichen “Resistenzbildung” zu vernachlässigen!

Was tun mit überlebenden Artgenossen?

Besteht der Verdacht auf einen RHD-Ausbruch in Ihrer Gruppe, ist dringendes Handeln angezeigt, um das oder die verbleibenden Tiere zu retten.

Sofortmaßnahmen:

Setzen Sie die verbleibenden Tiere einzeln, d.h. ohne Gitterkontakt und möglichst in unterschiedlichen Räumen, in bisher unbekannte und somit hoffentlich "seuchenfreie" Quarantäne-Bereiche (Käfige, Boxen, Gehege, ...). Dadurch kann ein evtl. bereits infiziertes Tier die anderen nicht noch anstecken.

Desinfizieren Sie sich gründlich mit einem viruziden Desinfektionsmittel die Hände, nachdem Sie eines der Kaninchen oder einen Gegenstand, der mit ihm in Berührung gekommen ist, angefasst haben.

Bringen Sie das verstorbene Kaninchen möglichst noch taggleich in ein pathologisches Institut und lassen Sie es (inklusive Virologie!) obduzieren. Möglicherweise kann schnell Entwarnung gegeben werden und die Artgenossen können aus der Quarantäne entlassen werden. Wird jedoch ein RHD-Virus nachgewiesen, ist weiterhin allerhöchste Vorsicht und Seuchenprophylaxe angezeigt!

Was tun bei positivem / fehlendem Pathologie-Ergebnis?

Bestätigt sich der Verdacht auf eine Infektion mit RHD oder wurde das Tier nicht pathologisch untersucht, wodurch der Verdacht weiterhin im Raum steht, ist Folgendes zu beachten:

Verstorbene Tiere dürfen unter keinen Umständen beerdigt werden! Das Virus überlebt im Boden und Kadaver und gefährdet weitere Haus- sowie Wildtiere!

Desinfizieren Sie den potenziell verseuchten Bereich mit viruzidem (!) Desinfektionsmittel, z.B. 2%iger-Natronlauge, die Sie mindestens zwei Stunden lang einwirken lassen. Holz und andere Gegenstände, in die das Virus eindringen kann, können nicht zuverlässig desinfiziert werden und sollten daher entsorgt werden.

In einem Außengehege muss die Erde mindestens 30 cm hoch abgetragen werden, da das Virus auch im Boden überlebt.

Auch, wenn die Chancen im Falle einer Infektion denkbar schlecht stehen: Geben Sie den überlebenden Artgenossen sicherheitshalber vorsorglich ein leberschützendes Präparat, beispielsweise Mariendistel (als Tierarznei oder Kapsel in Drogeriemärkten erhältlich).

Die Kaninchen sollten mehrere Tage in Quarantäne bleiben, anschließend ist nicht mehr mit einem Ausbruch zu rechnen (Inkubationszeit von 1-3 Tagen). Sie sollten anschließend umgehend geimpft werden (s.u.) und anschließend in eine neue Unterkunft ziehen, zumindest, bis der Impfschutz seine volle Wirkung entfaltet hat (nach 1-2 Wochen). Wer ganz auf Nummer sicher gehen will (da es in seltenen Fällen "Impfversager" oder milde Infektionen trotz Impfschutz geben kann), lässt die vorherige Unterkunft trotzdem 7 Monate lang leer stehen, um sicherzugehen, dass auch die letzten Viren, die die Desinfektion evtl. überlebt haben, abgestorben sind.

Bei folgenden Alarmzeichen besteht, sofern nicht nach dem empfohlenen Schema geimpft wurde (s.u.), der begründete Verdacht auf RHD:

Prophylaxe

INFO: Schutzimpfungen

Den einzigen vernünftigen Schutz bietet eine jährliche Impfung.

Schutz gegen RVHD-1 bieten z.B. der Kombinationsimpfstoff von "Nobivac", der zusätzlich gegen Myxomatose schützt, und der Kombinationsimpfstoff von "Filavac", der zusätzlich vor RVHD-2 schützt. Beide können auch gleichzeitig injiziert werden (getrennte Einstichstellen!), um einen Schutz gegen alle drei Seuchen zu erwirken. Diese "Dreifachimpfung" wird sehr gut vertragen und es wird derselbe Immunschutz aufgebaut wie mit zeitlichem Abstand dazwischen.

Filavac-Impfung:

Nobivac-Impfung:

Nobivac produziert als einzige Firma einen chemischen Myxomatose-RHD-1-Kombi-Impfstoff, d.h. für dessen Herstellung keine Laborkaninchen infiziert und getötet werden. Daher ist er gegenüber anderen Kombi-Impfstoffen gegen diese zwei Krankheiten zu bevorzugen.

Nobivac darf ab der 5. Lebenswoche injiziert werden, die erste Wiederholungsimpfung ist erst ein Jahr später notwendig.

Achtung: Die herkömmlichen Impfstoffe bieten KEINEN zuverlässigen Schutz gegen die RHD2-Form! Es sind diverse Fälle nachgewiesen, in denen Kaninchen an RHD2 verstorben sind, obwohl sie regelmäßig mit Impfstoffen von Nobivac, Rikkavac oder Cunivac gegen Myxomatose sowie RHD geimpft wurden. Um Ihre Kaninchen vor RHD2 zu schützen, müssen sie mit einer speziell gegen diesen Virenstamm entwickelten Vakzine geimpft werden (Filavac oder Eravac), siehe auch hier:

Da geimpfte Kaninchen in seltenen Fällen ebenfalls erkranken – wenn auch nur mild – , sind zusätzliche Maßnahmen, die das Infektionsrisiko senken, nicht verkehrt. So reduziert die Anbringung von Fliegengittern die Anzahl an fliegenden Insekten, welche den Erreger übertragen könnten; Frischfutter wird vorzugsweise nicht in ausgesprochenen “Wildkaninchen-Gebieten” geerntet und der eigene Garten zumindest grob abgezäunt, um Wildkaninchen den Zugang zu erschweren. Nach Kontakt zu gruppenfremden Kaninchen, die immer latent (=verborgen) infiziert sein könnten (und zwar nicht nur mit RHD!), sollten die üblichen Hygienemaßnahmen inform von Händewaschen und möglichst auch Kleidungswechsel eingehalten werden; Spielzeug, Schutzhütten, Futter usw. sollten nicht zwischen sich fremden Tieren “ausgetauscht” werden.

Soll ein neues Kaninchen in die bestehende Gruppe integriert werden, sollte auch hier weder direkter noch indirekter Kontakt erfolgen, ehe die Quarantänezeit überbrückt sowie eine tierärztliche Untersuchung durchgeführt worden ist.