Infektionskrankheiten

Ansteckender Kaninchenschnupfen (Rhinitis contagiosa cuniculi)

Bild von Alexandra Hartmann

Erreger: Bakterien

Beim Ansteckenden Kaninchenschnupfen handelt es sich um eine multifaktorelle, seuchenartige Erkrankung der Kaninchen, die zunächst mit ähnlichen Symptomen wie eine harmlose Erkältung einhergeht, unbehandelt jedoch zu schweren und teilweise lebensbedrohlichen Atemwegsinfektionen führen kann.

Infektion

Übertragung

Direkt über:

Indirekt über:

Begünstigende Faktoren:

Die Infektion erfolgt insbesondere durch Pasteurellen (Pasteurella multocida) und Bordetellen (Bordetella bronchiseptica), aber auch Streptokokken, Staphylokokken, Pseudomonas und Mykoplasmen direkt über lebende (Kontakt zu erkrankten Tieren und Menschen!) sowie indirekt über tote (Streu, Grünfutter, Kleidung, Hände, Einrichtungsgegenstände usw.) Faktoren. Die meisten Kaninchen tragen einen oder mehrere Schnupfenerreger in sich, welche das Immunsystem aber so gut in Schach hält, dass keine Symptome auftreten. Bei diesen latent (=verborgen) infizierten Kaninchen bricht die Erkrankung in vielen Fällen erst in Stresssituationen oder infolge anderer Erkrankungen auf, die das Immunsystem belasten. In den meisten Fällen kommen erste Symptome während der Wintermonate zum Vorschein. Sekundärinfektionen, d.h. Folgeerkrankungen, treten u.a. inform von Pseudonomas und Viren auf.

Zu einer Infektion führen kann jeglicher Kontakt zu Menschen und Tieren, die erkältet, an Grippe, Mundraum-, Lungen- oder Rachenentzündungen erkrankt sind. Beispiele hierfür sind z.B. schnupfeninfizierte Katzen, an Zwingerhusten erkrankte Hunde, Menschen mit Angina und selbstverständlich auch an Kaninchenschnupfen erkrankte Artgenossen.

Symptomatik

Erste Anzeichen einer möglichen Infektion sind neben häufigem Niesen ein klarer Nasenausfluss sowie ein infolgedessen feuchtes Fell im Mäulchenbereich. Beim Putzen werden die im Nasenausfluss lebenden Erreger vom Kaninchen über den gesamten Kopf gewischt, wodurch es im Anschluss zu klarem Augenausfluss, -rötungen und zur Bindehautenzündung kommt. Bei ausbleibender Behandlung werden Augen- und Nasenausfluss zunehmend eitriger; es entwickelt sich eine Lungenentzündung, die rasselnde Atemgeräusche, Atemnot und mitunter sogar tödlich verlaufende Lungenabszesse zur Folge hat. Weitere mögliche Komplikationen bestehen in Mittel- und Innenohrentzündungen. Das Allgemeinbefinden des Kaninchens veschlechtert sich zunehmend, es kommt zu Apathie (=Teilnahmslosigkeit), Inappetenz (=Appetitlosigkeit) und Fieber. Ist das Mittelohr vom Erreger in Mitleidenschaft gezogen, kommt es mitunter zur Kopfschiefhaltung und zu Gleichgewichtsproblemen.

Diagnostik

Durch eine Röntgenaufnahme von Kopf und Brustkorb in mindestens 2 verschiedenen Ebenen werden Eiteransammlungen ausfindig gemacht, zudem erfolgt die Differenzierung von Zahnerkrankungen, die den Tränen-Nasen-Kanal beeinträchtigen.

Um die an der Infektion beteiligten Bakterienarten nachzuweisen, ist ein Abstrich erforderlich – wenn möglich, aus jedem einzelnen der Eiterherde. Auf der Grundlage des Untersuchungsergebnisses sowie eines Antibiogramms – d.h. eines Resistenztests, bei dem zunächst experimentell erprobt wird, auf welche Wirkstoffe die Erreger empfindlich reagieren – erfolgt die angepasste antibiotische Therapie.

Therapie

Ansteckender Kaninchenschnupfen ist eine chronische Erkrankung; d.h., selbst wenn eine Behandlung zum vollständigen Abklingen der Symptome führt, bleibt das Kaninchen latent (=verborgen) infiziert und neigt in Stresssituationen zu Rückfällen.

Dies resultiert daraus, dass sich v.a. der Erreger Pasteurella multocida unerreichbar in den Nasennebenhöhlen sowie den tiefer gelegenen Atemwegen abkapselt.

Antibiotika: Aufgrund des hohen Rückfallrisikos kann es bei sehr milden Erkrankungsausbrüchen sinnvoll sein, zugunsten alternativer Behandlungsmethoden auf Antibiotika zu verzichten, um das Risiko einer Resistenzbildung zu vermeiden. Andererseits besteht die Gefahr, es während eines heftigeren Rückfalls mit besonders zähen Bakterien zu tun zu haben, die nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden können.

In schweren Fällen ist eine sofortige antiobiotische Behandlung anzusetzen. Anderenfalls sollte, sofern Ihr Tierarzt die alleinige Anwendung pflanzlicher Medikamente für zu riskant hält, das Ergebnis des Antibiogramms abgewartet werden.

Präbiotika (z.B. Apfelpektin oder Präparate wie "ProPreBac") sind im Falle einer Antibiotikagabe anzuraten, um die gutartige Darmflora zu unterstützen. Sie enthalten Fasern, von welchen sich die gutartigen Darmbakterien ernähren. Probiotika hingegen enthalten die Bakterien selbst. Reine Probiotika, d.h. Medikamente, die lediglich Bakterien, jedoch keinerlei Fasern enthalten, sind wenig sinnvoll, da die Bakterien bereits durch die Magensäure abgetötet werden und den Darm somit überhaupt nicht erreichen können.

Tränen-Nasen-Kanal-Spülung: Vereiterungen des Tränen-Nasen-Kanals werden vom Tierarzt durch eine Spülung entfernt. Diese ist den meisten Kaninchen zwar nicht sehr angenehm, wird aber grundsätzlich ohne Narkose durchgeführt, um den Kreislauf nicht zusätzlich zu belasten.

Zur Durchführung wird unter behutsamem Zug am unteren Augenlid eine Knopfkanüle – d.h. einer Kanüle mit stumpfem “Kopf”, der Verletzungen vorbeugt – eingeführt. Durch sanften Druck auf die aufgesetzte, mit physiologischer Kochsalzlösung (NaCl) gefüllte Spritze erfolgt die Durchspülung solange, bis anstelle des Eiters klare Flüssigkeit aus den Nasenlöchern tritt.

Die Nasenspülung ist eine sehr unangenehme, aber potenziell lebensrettende Maßnahme bei Schnupfenpatienten, die an schwerer Atemnot leiden. Kaninchen mit starkem Schnupfen atmen zunächst nicht durchs Maul, sondern versuchen krampfhaft, weiter durch die Nase zu atmen, und entwickeln Erstickungsängste, wenn dies nicht mehr richtig funktioniert. Sie können dabei so in Todesangst geraten, dass sie akut an Herzversagen versterben. Bei solchen Patienten kann die Nasenspülung angewendet werden. Hierbei wird die Kochsalzlösung anhand einer nadellosen Einwegspritze mit Druck in die Nasenlöcher gespritzt, wodurch die Atemwege freigespült werden und das Tier sich beruhigt. Es wird grundsätzlich zuerst das weniger verstopfte Nasenloch gewählt, damit der Patient sofort wieder optimal damit atmen kann.

Schleimlösende Medikamente können zur Lösung des Eiters hilfreich sein und auch die Spülungen erleichtern.

Stärkung des Immunsystems: Das Immunsystem erkrankter Kaninchen sollte unbedingt gestärkt werden. Dies kann tierärztlich durch die Injektion von Interferon (z.B. den Impfstoff "Zylexis" erfolgen, ist aber darüber hinaus durch besonders vitaminhaltige Ernährung und dadurch möglich, das Kaninchen bis zur Genesung unter durchgehend milden, gleichbleibenden Temperaturen auszusetzen; d.h. im Freien Lebende Kaninchen sollten vorübergehend ins Haus geholt werden, sofern sie dadurch keinem extremen "Wärmeschock" ausgesetzt werden - während der Wintermonate ist unbedingt ein nur schwach bereizter Raum oder Dachboden zur Verfügung zu stellen. Anderenfalls schadet die plötzliche “Hitze” mehr, als sie nützt.

Krustenentfernung: Verkrustete Augen- und Nasensekrete werden mit einem weichen, in lauwarmes Wasser getauchten Tuch vorsichtig aufgeweicht und abgelöst, um den Heilungsprozess zu beschleunigen und gegebenenfalls die Atmung zu erleichtern.

Inhalation: Die Atmungserleichterung ist auch anhand von Inhalationen möglich. Fürs Erste kann dazu Wasserdampf verwendet werden, dieser hilft allerdings nur oberflächlich. Weitaus wirkungsvoller sind Zerstäuber, da nur die dadurch erzeugten Aerosole bis tief in die Atemwege vordringen.

Sekretabsaugung: Mithilfe einer nadellosen Einwegspritze können locker sitzende Sekrete behutsam aus der Nase gezogen werden.

Wärme: Viele Schnupfenpatienten bevorzugen Wärme. Bieten Sie Ihrem Tier daher eine Rotlichtlampe, Wärmeflasche oder -matte an, die es bei Bedarf aufsuchen kann. Rotlichtlampen müssen unbedingt so angebracht werden, dass die Kaninchen sich nicht daran verbrennen können.

Augenmedikation: Bei Bindehautenzündungen sollte eine Behandlung mit Augentropfen oder -salbe erfolgen. In Extremfällen kann eine halbstündige bis stündliche Verabreichung erforderlich sein.

Prognose

Insbesondere bei frühzeitiger Behandlung lassen sich die Symptome des Ansteckenden Schnupfens meist gut in den Griff bekommen, sodass die Tiere ein (fast) beschwerdenfreies Leben führen können. Bei jeder Art der Immunsuppression besteht jedoch die Gefahr eines Rückfalls, dessen Schwere nicht vorhersehbar ist. Daher sollte bei geringsten Anzeichen auf einen Erkrankungsausbruch – unabhängig davon, ob es der erste oder ein wiederholter ist – ein Tierarzt aufgesucht und zumindest eine symptomlindernde Therapie eingeleitet werden.

Prophylaxe

Eine stressarme, hygienische und tiergerechte Haltung sowie die Kontaktunterbindung zu Menschen und Tieren mit einer der oben genannten Infektionen bieten die besten Voraussetzungen für ein schnupfenfreies Leben.

“Schnupfenkaninchen” lediglich mit anderen "Schnupfern" zu vergesellschaften, ist fragwürdig, da der Infektionsdruck dadurch enorm hoch ist und die Kaninchen sich womöglich gegenseitig noch mit neuen Erregern anstecken, wodurch der Zustand eines jeden einzelnen verschlechtert wird. Auch Nasenabstriche und Spülproben, welche auf die beteiligten Erreger untersucht werden, sind nicht besonders aussagekräftig, da häufig nicht alle Erreger "erwischt" werden und es zu falsch-negativen Ergebnissen kommt.

Es ist daher vermutlich sinnvoller, Schnupfenkaninchen intensiv zu behandeln und nach Besserung oder Verschwinden der Symptome in eine "normale" Gruppe zu integrieren. Bricht innerhalb einer vorhandenen Gruppe bei einem der Kaninchen ein Schnupfen aus, sollte es zügig behandelt, jedoch nicht von der Gruppe getrennt werden - denn um eine Ansteckung noch zu vermeiden, wäre es sowieso bereits zu spät. Es ist davon auszugehen, dass die Artgenossen ohnehin bereits die selben Erreger in sich tragen wie das Kaninchen, bei welchem die Erkrankung ausgebrochen ist. Somit würden die Isolation und der Umgebungswechsel des Patienten lediglich negative Folgen nach sich ziehen, nämlich zusätzlichen Stress und somit eine länger andauernde Genesungsphase für das erkrankte Tier.

Begünstigende Faktoren für einen Schnupfenausbruch sind Immunsuppression (Stress, Primärerkrankungen, …), Hygienemängel (zu selten gereinigte Unterkünfte, Kloschalen oder Schutzhütten - v.a. bei Winteraußenhaltung!), trockene Heizungsluft und direkter oder indirekter Kontakt zu Menschen und Tieren, die zurzeit an einer bakteriellen Infektion leiden.

Ebenfalls existiert eine kommerzielle Schutzimpfung, die gegen einen Teil der Schnupfenerreger Vorsorge bietet, jedoch umstritten ist. Mehr Informationen dazu finden Sie unter:

INFO: Schutzimpfungen