Erkrankungen des Verdauungstrakts

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Enterocolitis

Die Enterocolitis bezeichnet eine ansteckende Darmlähmung mit Mortalitätsraten (=Sterblichkeitsraten) von bis zu 100%, die in erster Linie säugende Häsinnen und deren Junge betrifft.

Erreger (Bakterien):

Infektion

Übertragung:

Begünstigende Faktoren:

Nach Aufnahme der Clostridien heften sich diese an die Darmzellen des Kaninchens und verhindern dort die Resorption von Wasser und Elektrolyte, sodass diese mit dem Kot ausgeschieden werden - es entsteht Durchfall. Zugleich produzieren sie das sogenannte Alpha-Toxin, ein Gift, das zur Lähmung glatter Muskeln führt. Die Darmperistaltik kommt dadurch zum Erliegen, was v.a. im Bereich des Grimmdarms fatale Folgen hat: Beim gesunden Tier erfolgt hier durch den sogenannten "Fusus coli", eine Art Schrittmacher des Darmes, die Trennung faseriger von nicht faserigen Nahrungsbreibestandteilen, die im Anschluss in den Blind- bzw. Mastdarm geschleust werden. Ist diese Funktion gestört, ist erstens keine Nahrungsverwertung mehr möglich; zweitens kommt es zunächst im Blinddarm, später auch im Mastdarm zur Anschoppung unverdauter Kotmassen, was einen Darmverschluss zur Folge hat; somit findet im Anschluss an die schweren Durchfälle kein Kotabsatz mehr statt. In Extremfällen reißen die Darmwände, sodass der Inhalt sich in die Bauchhöhle ergießt.

Die Immunabwehr gegen den Erreger ist insbesondere dadurch nur eingeschränkt möglich, dass Antikörper durch den Kontakt mit Alpha-Toxin zerstört werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kaninchen ihre Nahrung nicht mehr verwerten können, was zum Proteinmangel und somit einer weiteren Immunsuppression führt.

Alpha-Toxin erhöht die Permeabilität der Blutgefäße, wodurch es zum Blutaustitt in die Brust-, die Bauchhöhle oder die Lunge kommen kann. Die Folgen sind schwere Entzündungen bzw. Atemnot bis zum Erstickungstod.

Außerhalb des Tierkörpers bilden Clostridien enorm widerstandsfähige und langlebige Sporen, die immun gegen zahlreiche Desinfektionsmittel sind.

Symptomatik

Erste, bereits gravierende Symptome einer Eneterocolitis treten nach zwei Tagen oder deutlich längerer Zeit inform von z.T. schweren Durchfällen von faulig-süßlichem Geruch auf, die meist in Kombination mit einem gallertartigen Schleimbeisatz ausgeschieden werden. Das betroffene Kaninchen zeigt ein zunehmend gestörtes Allgemeinbefinden mit Apathie (=Teilnahmslosigkeit) und Anorexie (=Appetitlosigkeit) und verliert binnen kürzester Zeit deutlich an Gewicht bishin zur Kachexie (=Abmagerung).

Bei ausbleibender Infusionsbehandlung führen die Durchfälle zur Exsikkose (=Austrocknung), die Sie leicht erkennen können, indem Sie behutsam eine Hautfalte greifen und wieder loslassen: Beim gesunden Tier verstreicht sie sofort, bei einem dehydrierten Tier verzögert oder gar nicht.

Im Anschluss an den Durchfall erfolgt keinerlei Kotabsatz mehr, da die darminterne, infolge der Darmlähmung entstehende Kotmassenanschoppung einen Darmverschluss hervorruft.

Im Falle von Hämorrhagien (=inneren Blutungen) und/oder Blutstauungen kommt es zur schweren Atemnot.

Diagnostik

Der Blinddarm erkrankter Kaninchen äußert sich palpatorisch (=durch Abtasten) als ein teigiger Strang und verhärtet sich während des weiteren Krankheitsverlaufes zunehmend.

Kotanschoppungen und ein ungeformter Darminhalt lassen sich zwar röntgen- und ultraschalldiagnostisch darstellen, erlauben jedoch noch keine Diagnose, da diesbezügliche Auffälligkeiten den durch andere Darmerkrankungen hervorgerufenen Symptomen sehr ähnlich sind. Ein stärkeres Indiz bieten zusätzlich vorhandene Einblutungen, die durch bildgebene Diagnostik ebenfalls erkennbar sind.

Der eindeutige Erregernachweis erfolgt durch eine Kotuntersuchung; doch ist bereits anhand des klinischen Bildes des Kotes - insbesondere Gallert-Beisatz und Geruch - eine recht zuverlässige Verdachtsdiagnosestellung möglich.

Therapie

oder

Nur bei sofortiger tierärztlicher Behandlung besteht die Chance, ein erkranktes Kaninchen noch zu retten!

Nehmen Sie unbedingt eine Kotprobe mit zum Tierarzt - zwar muss bei Verdacht auf Enterocolitis direkt mit der Therapie begonnen werden, da es zu lange dauern würde, erst das Kotergebnis abzuwarten; allerdings muss die Therapie je nach Resultat evtl. angepasst werden. Davon abgesehen ist für die künftige Prophylaxe eine exakte Erregerbestimmung notwendig.

Der Therapieversuch erfolgt mit einem Antibiotikum (Tilmicosin) - unbedingt in Kombination mit einem Probiotikum! - , stationärer Intensivbehandlung inklusive intravenösen Infusionen und Zwangsfütterung. Je nach Zustand des Kaninchens ist in vielen Fällen allerdings eine Euthanasie vorzuziehen; wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit ein qualvoller Erstickungstod zu erwarten ist, sollte kein Therapieversuch unternommen werden.

Prognose

Eine Therapie der Enterocolitis ist - gerade bei Jungtieren - selten erfolgreich, da mit Auftreten der Symptome meist schon schwerwiegende, irreparable Schädigungen des Dickdarms verursacht worden sind. Meist versterben die Tiere innerhalb von zwei bis fünf Tagen.

Auf den akuten folgt der chronische Krankheitsverlauf, da die Clostridien, ganz besonders aber die im Kaninchenzuhause existierenden Sporen, selten vollständig eliminiert werden können. Dies bedeutet, dass es im Falle einer Immunsuppression oder Belastung des Darmes leicht zu einem Rückfall kommen kann - weshalb prophylaktische Maßnahmen bei Tieren, die schon einmal erkrankt waren, umso wichtiger sind.

Prophylaxe

Schutzimpfung: Da Clostridien äußerst vielseitig und wandelbar sind, existiert bislang kein allgemein zugelassener Impfstoff. Es besteht jedoch die Möglichkeit, sich eine spezifische Vakzine für die eigene Kaninchengruppe herstellen zu lassen. Zu diesem Zweck ist es wichtig, die in Ihrem Kaninchenheim vorhandenen Erreger zunächst genau bestimmen zu lassen. Ist ein Erkrankungsausbruch erfolgt oder wurden im Kot eines Ihrer Tiere Erreger nachgewiesen, sollte eine entsprechende Kotprobe an ein Institut geschickt werden, welches anhand dieser Probe einen angepassten Impfstoff produzieren kann.

INFO: Schutzimpfungen

Tiergerechte, hygienische Unterbringung: Da Kaninchen vergleichsweise stressempfindiche Tiere sind und Stress sich bekanntlich aufs Immunsuppression niederschlägt, sind angemessene Haltungsbedingungen für die Gesunderhaltung von großer Bedeutung. Dazu gehören rund um die Uhr ausreichen Platz, arteigene Gesellschaft, Beschäftigungsmöglichkeiten und Sauberkeit.

Gesunde Ernährung: Der Schlüssel eines stabilen, widerstandsfähigen Verdauungstrakts liegt in einer naturnahen Fütterung - d.h. täglich frisches Grün als Grundnahrung, zusätzlich hochwertiges Heu rund um die Uhr, ständig sauberes Wasser und das Streichen schädlicher Nahrungsmittel vom Speiseplan. Hierzu gehören Trockenfertigfutter, glutenhaltiges (Weizen, Roggen) sowie verarbeitetes Getreide (hartes Brot, Pellets) und handelsübliche Leckerlis. Insbesondere das im Weizen enthaltene Gluten liefert Clostridien eine hervorragende Nahrungsquelle.

Allgemeine Gesunderhaltung: Da Immunschwäche den Ausbruch einer Enterocolitis stark begünstigt, leistet die allgemeine Gesundherhaltung einen wichtigen prophylaktischen Beitrag. Dies gilt insbesondere für die sofortige und sorgfältige Behandlung von Magen-Darm-Unpässlichkeiten, da ein bereits angeschlagener Darm besonders sensibel auf Sekundärerkrankungen (=Folgeerkrankungen) reagiert.

Eine Kotuntersuchung neu angeschaffter Kaninchen vor der Vergesellschaftung bringt eventuell vorhandene Erreger zum Vorschein und ermöglicht gegebenenfalls eine Therapie sowie die Herstellung eines spezifischen Impfstoffes.