Erkrankungen des Verdauungstrakts

Magenüberladung

Die Magenüberladung bezeichnet, wie der Name bereits vermutet lässt, einen überfüllten und dadurch übergroßen Magen.

Ursachen

Ursache für eine Magenüberladung können die zu hastige Aufnahme großer Futtermengen oder die Aufnahme quellender Futtermittel (Trockenfutter, Heuhäcksel) sein: Der nur etwa wallnussgroße Kaninchenmagen füllt sich dann schneller, als Futterbrei in den Darm weiterbefördert wird.

Andererseits kann der Magenausgang in Richtung Darm durch Fremdkörper verlegt oder verstopft sein. Verstopfungen entstehen meist durch große Mengen verschluckter Haare, die im Magen mit Futterbrei verklumpen und eine zähe, unverdauliche Masse bilden. Aber auch bei einer zu geringen Flüssigkeitsaufnahme, z.B. durch das Fressen größerer Trockenfuttermengen, ist der Mageninhalt mitunter zu dickflüssig, um in den Darm zu gelangen. Dasselbe geschieht, wenn die Nahrung unzureichend zerkaut wird – z.B. durch Zahnerkrankungen oder das Herunterschlingen von Futter, das konsistenz- oder größenbedingt nur ungenügend zerkaut wird (Trockenfutter, Heuhäcksel, ...).

Symptome

Die Magenüberladung äußert sich in erster Linie durch starke, krampfartige Schmerzen: Das Kaninchen stellt die Nahrungsaufnahme ein, wirkt apathisch, nimmt mitunter eine gekrümmte Körperhaltung ein und presst das Hinterteil auf den Boden. In schweren Fällen drückt der prall gefüllte Magen auf den Brustkorb und versetzt das Tier dadurch in Atemnot, die sich u.a. in bläulich verfärbten Schleimhäuten, einem emporgestreckten Kopf und schlimmstenfalls Maulatmung äußert.

Im fortgeschrittenen Stadium sindKreislaufschwäche und Untertemperatur.

Der übergroße Magen und der pralle, harte Bauch sind durch Abtasten fühlbar.

Diagnostik

Ein Kaninchen mit Verdacht auf Magenüberladung benötigt sofortige tierärztliche Hilfe! Jede Stunde, die vergeht, verschlechtert die Prognose und bereitet dem Tier schlimme Schmerzen. Überladene Mägen sind fühlbar vergrößert und von teigiger Konsistenz. Die sichere Diagnose wird durch eine Röntgenaufnahme gestellt; hierdurch ist auch die Abgrenzung von der Magentympanie (=Aufgasung) möglich. Insbesondere empfiehlt sich ein Kontraströntgen, um festzustellen, wo im Magen-Darm-Trakt sich die Verstopfung befindet; womöglich sitzt sie nicht im Magen, sondern im Darm und der Futterbrei staut sich infolgedessen zurück.

Therapie

Neben einem Schmerzmittel, das vorzugsweise injiziert (und nicht eingeflößt) wird, erhält das Kaninchen oral Medikamente zur Aufweichung des Mageninhaltes, wie beispielsweise Lein-, Rizinus- oder Paraffinöl. Damit sich dieses gut mit dem Mageninhalt durchmischt, sind sanfte "Massagen" von großer Bedeutung, um das Öl zu verteilen und die Verdauungstätigkeit anzuregen.

Unter "Massagen" ist lediglich ein leichtes Streichen über den Bauch zu verstehen - niemals darf auf einen überfüllten Magen zusätzlicher Druck ausgeübt werden!

Dies wäre für das Kaninchen mit qualvollen Schmerzen verbunden und könnte schlimmstenfalls zu einem tödlichen Einriss der Magenwände führen.

Um Magen-Darm-Tympanien (Aufgasungen), die infolge des ausbleibenden Weitertransportes der Nahrung auftreten, entgegenzuwirken, wird zusätzlich ein Antitympatikum, d.h. ein Medikament gegen Aufgasungen, verabreicht.

Keinesfalls sollte dem Kaninchen ein Muskelrelaxanz verabreicht werden. Diese Medikamente führen zur Muskelerschlaffung, würden also den ohnehin schwach bemuskelten Darmtrakt des Kaninchens komplett lahmlegen. Gerade bei einer bereits vorhandenen Verdauungsproblematik wäre das lebensgefährlich!

Um eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu garantieren und die Kreislauffunktion aufrecht zu erhalten, sind Infusionen dringend anzuraten. Sehr schwache Kaninchen sollten vom Tierarzt stationär aufgenommen und intravenös infundiert, also an den Tropf gehängt werden. Dies ist effektiver, als die Infusion "nur" unter die Haut zu spritzen.

Deutlich unterkühlte Kaninchen benötigen Wärmezufuhr. Bei nur leichter Untertemperatur ist hingegen eine sorgsame Abwägung notwendig: Zwar wirkt Wärme krampf- und schmerzlindernd und wird von betroffenen Kaninchen als angenehm empfunden, andererseits werden Gärprozesse im Verdauungstrakt durch Wärme beschleunigt und fördern die Tympanie dementsprechend. Je nachdem, ob die Magenüberladung oder die Tympanie im Vordergrund steht, kann Wärme daher hilfreich oder eher kontrapdouktiv sein.

Eine Zwangsfütterung ist bei einer Magenüberladung völlig unsinnig, lebensgefährlich und erfüllt den Tatbestand der Tierquälerei! Der Weitertransport in den Darm geschieht durch den im überfüllten Magen herrschenden Druck umgehend von selbst, sobald der Mageninhalt (u.a. infolge der Ölgabe) eine ausreichend flüssige Konsistenz erreicht hat. Eine Zwangsfütterung hingegen ist für das Kaninchen nicht nur qualvoll, sondern kann schlimmstenfalls dazu führen, dass die dünnen und ohnehin bereits überlasteten Magenwände durch die zusätzliche Druckerhöhung reißen (Magenwandruptur) und somit tödlich enden.

Sobald sich der Magen zu entleeren beginnt (per Röntgenaufnahme oder angesichts von Kotabsatz erkennbar), muss in der Regel mit einer Zwangsfütterung begonnen werden, da die meisten Kaninchen aufgrund des schlechten Allgemeinbefindens nicht sofort wieder selbstständig Nahrung aufnehmen. Dabei sollten zunächst nur äußerst kleine, sehr flüssig angemischte Mengen verabreicht werden, um dem Magen zu schonen, d.h. bei Zwergkaninchen nicht mehr als 3ml pro Mahlzeit, bei größeren entsprechend mehr.

Um die abgestorbene, erwünschte Darmflora wieder aufzubauen, ist die Verabreichung von Probiotika dringend anzuraten.

Es kann der Versuch einer Magensondierung unternommen werden, sofern das Kaninchen die Prozedur toleriert - anderenfalls wäre eine Narkotisierung notwendig, welche aber bei einem kreislaufgeschwächten Tieres ein großes Risiko darstellen würde.

Durch die übers Mäulchen eingeführte Magensonde kann ausreichend flüssiger Mageninhalt mithilfe einer Einwegspritze abgezogen werden, sodass dem Kaninchen Linderung verschafft wird. Allerdings erfolgt hierdurch meist keine Ursachenbeseitigung, da zähflüssiger Mageninhalt, der den Magenausgang verstopft, auf die Magensonde die gleiche Wirkung hat. Auch Bezoare lassen sich auf diesem Wege nicht entfernen. Allerdings entlastet sie den Magen und es kann dem Kaninchen durch die Ernährungssonde eine kleine Menge Paraffinöl eingeflößt werden, welches der Bezoarauflösung dient.

Ist keine Besserung erkennbar, ist eine operative Magenentleerung zu erwägen. Da betroffene Kaninchen jedoch in der Regel so geschwächt sind, dass eine Narkotisierung erhebliche Risiken mit sich bringt, und Operationen am Verdauungstrakt von Tieren, die auch nach dem Eingriff keinesfalls fasten dürften, Wundheilungsstörungen nach sich ziehen können, stellt diese Form der Therapie immer nur eine Notlösung dar.

Prognose

Die Prognose ist abhängig von Schweregrad, Stadium und Auslöser der Erkrankung sowie Allgemeinzustand und Therapiemaßnahmen. Gelingt die Stabilisierung des Kreislaufs, erfolgt Kotabsatz und/oder beginnt das Kaninchen wieder mit der Futteraufnahme, steht die Prognose günstig. Kaninchen hingegen, die bereits aufgegast und kreislaufgeschwächt sind, versterben oft auch unter Intensivtherapie an der Erkrankung. Auch Operationen werden häufig nicht überlebt.

Prophylaxe

Magenüberladungen treten bei einer gesunden Ernährung sehr selten auf. Hierzu gehört das rigerose Streichen von Heuhäckseln, Mischfutter, Pellets, Getreide, am besten auch getrocknetem Obst und Gemüse vom Speiseplan, da diese Nahrungsmittel im Magen aufquellen. Zudem sollte die Frischfuttertagesration auf mindestens zwei Mahlzeiten pro Tag aufgeteilt werden, wobei immer so viel gereicht werden sollte, dass bis zur nächsten Mahlzeit noch etwas übrig ist - auf diese Weise ist eine entspannte, ausführliche Nahrungszerkleinerung garantiert. Das Frischfutter sollte hauptsächlich aus Grünfutter (d.h. Gräsern, Kräutern und blättrigen Futtermitteln) und möglichst auch Zweigen bestehen. Zusätzlich sollte Heu rund um die Uhr zur Verfügung stehen, falls doch einmal kein Grünfutter mehr übrig sein sollte

Zahnprobleme können unzureichende Kauvorgänge und somit das Verschlucken zu großer Nahrungsbestandteile zur Folge haben. Besteht dieser Verdacht, sollte baldestmöglich ein Tierarzt aufgesucht werden, der die Maulhöhle kontrollieren und ggf. eine Korrektur vornehmen kann.

INFO: Zahnerkrankungen