Pflegemaßnahmen und Gesundheitsprophylaxe

Die unentbehrliche Kastration

Geborgenheit durch Gesellschaft

Bild von Fellnasenbetreuung Wegener

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Kastration bedeutet Tierschutz

Viele Besitzer jeglicher Tierarten tun sich mit der Kastration ihrer Schützlinge schwer; die Vorstellung, einen so entscheidenen, dauerhaften Einschnitt ins Leben der Tiere vorzunehmen, wirft nur allzu leicht die Frage auf, ob wir überhaupt das Recht dazu haben, derart in die Natur einzugreifen.

Die Frage, ob sich Tierschutz und Kastration widersprechen, lässt sich bei näherer Betrachtung klar verneinen, im Gegenteil: Grundsätzlich bedeutet Kastration aktiven Tierschutz. Warum, ist im Grunde logisch: So gern wir es vielleicht würden, können wir unseren Tieren nicht die Möglichkeit geben, ihrem Fortpflanzungsdrang uneingeschränkt nachzugehen – auch, wenn das natürlich am artgerechtesten wäre. Die Tierpopulation würde binnen kürzester Zeit explodieren und die dem Individuum zustehenden Ressourcen sich zunehmend verringern.

Überlegen wir uns, wie die Natur das Problem der unkontrollierten Fortpflanzung im Griff hat – oder eher, weshalb sich viele Tiere überhaupt über die Jahrmillionen so entwickelt haben, dass sie zu starker Vermehrung neigen: Einerseits sterben Wilddtiere in der Regel erheblich früher als Haustiere, da sie, besonders im fortgeschrittenen Alter, Krankheiten und Verletzungen hilflos ausgesetzt sind. Pflanzenfresser stellen zusätzlich die Nahrungsquelle für eine Reihe von Räubern dar. Würde einer Beutetierart die Zeugung zahlreicher Nachkommen nicht “in den Genen stecken”, wäre sie binnen kürzester Zeit ausgestorben.

Das Wort ”Artgerecht” beinhaltet also neben seinen positiven auch eine Reihe an negativen Faktoren, denn würden wir ein Tier tatsächlich artgerecht halten wollen, dürften wir es weder impfen noch bestehende gesundheitliche Probleme behandeln, ja wir dürften es nicht einmal gegen das ganz natürliche “Gefressenwerden” schützen.

Es versteht sich von selbst, dass kein Tierliebhaber der Welt einen dieser Wünsche hegt, sondern im Gegenteil für sein Tier sorgen und es beschützen möchte. Wenn er aber auf diese positive Weise Einfluss auf das natürliche Leben eines Tieres ausübt, ist es nun einmal zwingend notwendig, gewisse Aufgaben zu übernehmen, die in der Natur auf weniger positive Weise gelöst werden – und dazu gehört unter anderem die Fortpflanzungseinschränkung.

Selbstverständlich wäre dies auch in Form einer Einzelhaltung möglich, doch im Gegensatz zu einzeln gehaltenen Kaninchen leiden kastrierte Tiere nicht unter ihrer Lebenssituation: Das Bedürfnis nach Sexualität kann man einem Tier nehmen, nicht jedoch das Bedürfnis nach Gesellschaft. Fälschlicherweise werden die Begriffe Kastration und Sterilisation immer wieder synonym gebraucht oder den Geschlechtern “zugeordnet.” Im Gegensatz zur Sterilisation, einem Eingriff, der Männchen und Weibchen durch das Abbinden von Samen- bzw. Eileitern lediglich ihre Fruchtbarkeit nimmt, schaltet die Kastration, bei der den Tieren die Keimdrüsen entfernt werden (beim Rammler die Hoden, bei der Häsin die Eierstöcke und zwecks Krebsprophylaxe unbedingt auch die Gebärmutter!) jedoch zusätzlich den Sexualtrieb aus. Kastrierten Tieren ist der Verlust ihres Triebes nicht bewusst; sie “erinnern” sich nicht daran, “wie es früher war”. Daher leiden sie im Gegensatz zum Menschen keineswegs unter dem Mangel - und im Gegensatz zu sterilisierten oder intakten Tieren, die entweder aufgrund fehlender gegengeschlechtlicher Artgenossen ihrem noch vollständig vorhandenen Sexualtrieb nicht nachgehen können oder aber – im Falle von Häsinnen – trotz ständiger “Versuche” keine Jungtiere bekommen. Die ständigen Paarungsversuche führen zu sogenannten Scheinträchtigkeiten, während derer sich die Häsinnen verhalten wie bei einer echten Trächtigkeit. Gerade Weibchen, die in ihrem Leben häufig scheinträchtig waren, entwickeln fast immer (in einigen Linien mit bis zu 90%iger Wahrscheinlichkeit) Gebärmuttertumoren, ehe sie überhaupt zu den “Alten” gehören.

Die Kastration sorgt bei Häsin und Rammler dafür, dass keine Sexualhormone mehr produziert werden können, wodurch die Tiere ihren nicht erfüllbaren Sexualtrieb verlieren und deutlich stressfreier leben, gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen auffällig ausgeglichener und friedlicher werden. Zugleich ist die Fortpflanzung unter Kontrolle, was anders ohne natürliche Feinde und ohne die nicht zumutbare Einzelhaltung unmöglich wäre. Die Häsinnenkastration leistet den wertvollen Dienst der Gebärmutter- und Mammatumorenprophylaxe. Die Kastration ist daher ein unerlässlicher Bestandteil des aktiven Tierschutzes und medizinisch betrachtet eine sehr sinnvolle Vorsorgemaßnahme.

Rammlerkastration

Die Kastration von Rammlern ist nicht nur notwendig, um innergeschlechtlichen, meist sehr gefährlichen Rangordnungskämpfen vorzubeugen sowie kastrierte und dementsprechend unwillige Häsinnen vor dem Stress ständiger “Belästigungen” zu schützen – bei der Wohnungshaltung ist sie auch fast immer unentbehrlich, um das Harnspritzen zu vermeiden, denn mit dem Verschwinden der Sexualhormone lässt auch der Drang nach, das eigene Revier zu markieren. Bei unkastrierten Tieren ist er hingegen meist so stark, dass selbst Kaninchen, die üblicherweise ihre Toilette aufsuchen, zwecks Markierung eine “Ausnahme” machen. Kaninchenurin riecht sehr penetrant und lässt sich von betroffenen Möbeln nur schwer wieder entfernen.

Rammlerkastrationen gehören heutzutage zu den Routinemaßnahmen von Kleintierärzten; sie verlaufen in aller Regel schnell und unkompliziert. Grundsätzlich erhalten die Tiere eine kurzzeitige Vollnarkose, einige erfahrene Tierärzte bieten bei sehr ruhigen Böckchen jedoch auch die Lokalanästhesie (punktuelle Ausschaltung des Schmerzempfindens) in Verbindung mit einer Sedierung (medikamentöse Sinneseintrübung der Tiere zwecks Beruhigung), welche noch kreislaufschonender und entsprechend risikoärmer ist.

Nach der Entfernung seiner Hoden erhält der Rammler ein Schmerzmittel sowie ein Antiobiotikum, ehe er vollständig aufwachen und im Anschluss abgeholt werden. Daheim angekommen, sollte das Kaninchen für fünf bis sieben Tage auf einem glatten, sauberen Untergrund bleiben, um die Gefahr einer Wundinfektion zu minimieren. Gut geeignet ist z.B. Zeitungspapier. Erde etc. können hingegen an der Wunde kleben bleiben, während Heu- und Strohhalme mitunter hineinstechen.

Grundsätzlich können Rammler in jedem Alter kastriert werden. Auch bei älteren Tieren mit gesundem Kreislauf ist die Angst vorm Narkoserisiko keine Rechtfertigung für eine Einzelhaltung!

Wenn möglich, lassen Sie Ihre Rammler jedoch frühkastrieren, d.h. noch vor dem Einsetzen der Geschlechtsreife. Die Sexualhormone werden dadurch gar nicht erst produziert und das kastrierte Tier darf unmittelbar nach dem Eingriff wieder zu seinen weiblichen Mitbewohnern. Böckchen hingegen, bei denen der Eintritt der Geschlechtsreife bereits erfolgt ist, sind theoretisch noch bis zu sechs Wochen nach der Kastration zeugungsfähig, da der vorhandene Hormonspiegel erst nach und nach abgebaut wird. Die meisten verlieren ihren Sexualtrieb zwar deutlich schneller und zeigen kein Paarungsverhalten mehr; hundertprozentig sicher ist jedoch nur die “Wartezeit” - wodurch die Tiere, sofern sie sich nicht sofort wieder mit gleichgeschlechtlichen Artgenossen vertragen, eine Zeitlang allein bleiben. Dies sollte ihnen natürlich wenn irgend möglich erspart bleiben; denn sechs Wochen in Isolation sind eine lange Zeit.

Häsinnenkastration

Während die Kastration weiblicher Kaninchen und Nagetiere noch vor wenigen Jahren völlig unüblich war, gehört sie heute zu den Routinemaßnahmen einer großen Zahl von Tierärzten. Grund dafür ist einerseits der medizinische Fortschritt – sowohl bezüglich des ungleich geringeren Narkose- und Operationsrisikos als auch der aktuellen Kenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Scheinträchtigkeiten und Krebserkrankungen – , andererseits die zunehmende Berücksichtigung der Bedürfnisse unserer Heimtiere; d.h. die erhöhte Sensibilität vonseiten des Menschen für das Wohl seiner Tiere.

In der Vergangenheit galt die Häsinnenkastration als ein unnötiges Risiko – immerhin wurden Kaninchen meist entweder allein gehalten (falls mehrere Häsinnen angeschafft wurden, die sich eines Tages nicht mehr verstanden, trennte man sie eben) oder man im Falle einer Paarhaltung lieber die Böckchen kastrieren ließ.

Glücklicherweise setzt sich heute zunehmend die Erkenntnis durch, dass eine Häsinnenkastration in vielen Fällen sehr sinnvoll und, sofern sie von einem auf diesem Gebiet erfahrenen Tierarzt durchgeführt wird, auch relativ ungefährlich ist. Viele intakte Häsinnen leiden sichtlich unter dem fehlenden Sexualpartner: Der Frust äußert sich in regelrechten Stimmungsschwankungen – immer wieder treten über Tage und Wochen hinweg Phasen auf, in denen die Tiere einfach keine Ruhe zu finden scheinen und ohne erkennbaren Grund ihre weiblichen Artgenossen attackieren. Teilweise tritt dieses Verhalten auch dauerhaft auf; die „Launen“ der Häsin schlagen dann im Stundenrhythmus um.

In den meisten Fällen treten zusätzlich zum „zickigen“ Verhalten regelmäßige Scheinträchtigkeiten auf, in denen die Zitzen der Häsin anschwellen, Muttermilch gebildet wird und ein Nest gebaut wird, als sei tatsächlich eine Befruchtung erfolgt. Dadurch entsteht ein hohes Risiko für die Häsin, im fortgeschrittenen Alter Gebärmutter- und Mammaleistentumore zu entwickeln.

Die Kastration beugt Krebserkrankungen vor und lässt die Häsin ruhiger, ausgeglichener und friedfertiger gegenüber anderen Kaninchen werden. Es versteht sich von selbst, dass man keine „charakterlichen Wunder“ erwarten darf – aus Kaninchen, die sich nie sonderlich mochten, werden durch eine Kastration nicht automatisch Freunde. In den meisten Fällen lassen die Aggressionen jedoch deutlich nach.

Bevor Sie sich für eine Kastration entscheiden, sollten Sie sich ausführlich von einem erfahrenen Tierarzt beraten lassen. Einige grundsätzliche Fragen können Sie sich jedoch bereits im Voraus stellen:

Macht die Häsin einen gesunden und munteren Eindruck? nein
Ist sie weder über- noch untergewichtig? doch
Sind chronische Gesundheitsbeeinträchtigungen bekannt (i.B. Herz-, Leber- oder Nierenbeschwerden)? ja
Ist die Häsin z.Z. zusätzlichen Stressfaktoren ausgesetzt (Umgebungswechsel, neuer Artgenosse, Jungtiere etc.)? ja

Haben Sie im grünen Kästchen eines oder mehrere Kreuze gesetzt, besteht ein erhöhtes Risiko auf Komplikationen während bzw. nach der Operation, worauf Sie Ihren Tierarzt gegebenfalls gesondert ansprechen sollten.

Wird Ihre Häsin regelmäßig scheinträchtig? nein
Wirkt die Häsin launisch und unausgeglichen? nein
Macht sie phasenweise einen nervösen und ruhelosen Eindruck, obwohl alle Artgenossen sich ihr gegenüber weitgehend friedlich verhalten? nein
Reagiert sie übermäßig aggressiv auf weibliche Artgenossen? nein
Ist sie älter als 6 Jahre und die Gebärmutter unauffällig? nein

Haben Sie im roten Kästchen alle fünf Fragen verneint, sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Tierarzt darüber nachdenken, ob hinsichtlich fehlender Notwendigkeit nicht besser auf eine Kastration verzichtet werden sollte.