Der richtige Umgang

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Scheuen Kaninchen die Angst nehmen

Geborgenheit durch Gesellschaft

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Wieso sind einige Kaninchen so extrem scheu?

Kaninchen, die in ihren prägenden ersten Lebenswochen nicht ausreichend positive Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, sind meist extrem scheu. Die Zähmung im Erwachsenenalter nachzuholen, gestaltet sich immer ungleich schwieriger. Auch Kaninchen, die traumatische Erfahrungen mit dem Menschen gemacht haben oder ein angsteinflößendes Erlebnis hatten, das sie fälschlicherweise mit dem Menschen in Zusammenhang bringen, ergreifen künftig die Flucht, ehe man überhaupt direkten Kontakt mit ihnen aufnehmen kann.

Wenn Sie handscheue Kaninchen bei sich aufnehmen, seien Sie sich der unbegrenzten Geduld und des Fingerspitzengefühls bewusst, die nötig sind, um das Vertrauen dieser Tiere zu gewinnen.

Scheue Kaninchen leiden

Es nicht empfehlenswert, sich mit der Scheu einfach abzufinden: Für ein Kaninchen, das sich vor Menschen fürchtet, bedeutet es einen nicht zu unterschätzenden, regelmäßigen Stress, tagtäglich mit der “Gefahr” konfrontiert zu werden.

Zwar ist es bei einem ausreichenden Angebot an Rückzugsmöglichkeiten dazu in der Lage, dem Menschen auszuweichen; doch wird es sich außerhalb der Unterschlüpfe nie wirklich entspannen können, da es ständig das Gefühl hat, vor dem mehrmals am Tag auftauchenden Menschen “auf der Hut” sein zu müssen. Solche dauernervösen Kaninchen entwickeln mitunter Aggressionen, die sie gegenüber den Artgenossen abbauen.

Spätestens, wenn ein Tierarztbesuch fällig ist, versetzen Sie ein scheues Kaninchen beim Einfangen, Einsperren und anschließenden Transport in Angst und Schrecken. Gerade bei kranken Kaninchen sollte jeder zusätzlicher Stress aber vermieden werden!

Ein wöchentlicher kurzer Gesundheitscheck der Kaninchen ist eine dringend empfehlenswerte Maßnahme, um Krankheitsanzeichen frühzeitig zu erkennen. Einem scheuen Kaninchen wird demzufolge entweder einmal pro Woche erheblicher Stress zugemutet oder man geht das Risiko ein, es “auszulassen”.

Grundprinzipien der Verhaltenstherapie

Um einem Tier die Angst vor etwas zu nehmen, eignen sich zwei Techniken, die vorzugsweise miteinander kombiniert werden: Die Desensibilisierung und die Gegenkonditionierung.

Desensibilisierung

Bei dieser Verfahrensweise wird der angstauslösende Reiz dem Tier zuerst in so schwacher Form präsentiert, dass es noch entspannt darauf reagiert. Mit jedem Mal wird die Intensität ein wenig gesteigert, sodass seine "Reizschwelle" nach und nach wächst. Ein Kaninchen, das Angst vor Menschen hat, sollte sie daher zunächst nur kurzfristig und aus weiter Ferne sehen und hören. Sobald es dabei entspannt reagiert, kann die Entfernung zunehmend verringert werden.

Gegenkonditionierung

Bei dieser Verfahrensweise wird ein Reiz, den ein Tier bisher mit etwas Negativem verbinden, ersatzweise mit einem positiven Erlebnis verknüpft. Zum Beispiel kann ein Tier mit dem Menschen verknüpft haben, dass es gejagt, festgehalten, eingesperrt oder ihm Schmerzen zugefügt werden. Daher wird dem Tier beigebracht, dass fortan etwas Schönes oder zumindest nichts Negatives passiert, wenn ein Mensch auftaucht. Er wird es nämlich ab jetzt gar nicht mehr beachten, dafür aber Futter zurücklassen. Sobald das Kaninchen weniger argwöhnisch ist und sich traut, dem Menschen auch näher zu kommen, wird dies direkt mit Futter belohnt. Die sich ausstreckende Hand und ihr Geruch werden also zunehmend mit einem Leckerbissen verknüpft.

Keinesfalls sollte das Kaninchen während der Wochen des Trainings eine negative Erfahrung mit dem Menschen machen, denn dies würde es in seinem "Trainingsfortschritt" erheblich zurückwerfen!

So sollte z.B. der ausführliche Gesundheitscheck in dieser Zeit unterlassen und das Tier stattdessen sorgfältiger beobachtet werden. Auch weitere Maßnahmen, die mit einem Einfangen und Festhalten des Tieres einhergehen, sollten möglichst noch vor Beginn der ersten Trainingsschritte erledigt werden (z.B. Impfungen oder Krallenschneiden).

Vertrauen aufbauen Schritt für Schritt

Bevor Sie mit dem nachfolgenden Programm beginnen, seien Sie sich darüber im Klaren, dass es sich bei der Zähmung extrem scheuer, mitunter traumatisierter Kaninchen um ein sehr langwieriges Unterfangen handeln kann – abhängig vom individuellen Charakter des Tieres, dem Ausmaß seiner Furcht sowie davon, wie viel Zeit Sie täglich investieren können und möchten.

Wichtig ist in jedem Fall, immer Schritt für Schritt voran zu schreiten – d.h. mit der nächsten “Trainingseinheit” erst zu beginnen, wenn die vorhergegangene wirklich “sitzt”. Anderenfalls gehen Sie das Risiko ein, Ihr Tier zu überfordern, was womöglich einen Rückschritt bedeuten würde.

Soweit es in der aktuellen Phase möglich ist, beachten Sie auch die allgemeinen Umgangsregeln

Eine Übung gilt als bestanden, sobald Ihr Kaninchen Anzeichen der Entspannung zeigt, das heißt wenn es...

..direkt aus seinem Unterschlupf kommt und zu fressen beginnt, wenn Sie sich entfernt und hingesetzt haben;

...in Ihrer Anwesenheit eindeutige Zeichen der Entspannung zeigt, wie z.B. putzen, strecken, kratzen, gähnen, hinlegen, Augenschließen;

...zum Fressen auch außerhalb seines Unterschlupfes verweilt, wenn es das Futter nicht “mitnehmen kann;

...weder auf mehrsekündigem Blickkontakt noch langsamen Bewegungen oder Ihrem Zurückweichen verunsichert reagiert.

Das Programm beginnt mit dem Extremfall – steigen Sie ganz einfach dort ein, wo Sie meinen, dass sich Ihr Kaninchen zur Zeit befindet. Richten Sie sich dabei nach der fett markierten Kurzbeschreibung über jeder Trainingseinheit.

Phase 1:

Das Kaninchen ergreift bereits die Flucht, sobald es von weitem einen Menschen entdeckt.

Einführung: Flüchtet Ihr Kaninchen, sobald Sie in sein Blickfeld geraten, müssen Sie ihm als erstes abgewöhnen, sich vor einem weit entfernten Menschen zu fürchten. Zu diesem Zweck nähern Sie sich bei jeder Fütterung langsam und sprechen mit möglichst leiser, sanfter, langsamer Stimme. Was Sie sagen, spielt keine Rolle; entscheidend sind ein ruhiger Tonfall, ein langsams Sprechtempo und die Dehnung der Worte. Bei Innenhaltung mit einer insgesamt sehr geringen Geräuschkulisse können Sie den Kaninchen auch ruhige Musik oder "Natur-Geräusche" laufen lassen, während Sie sprechen, damit Ihre Stimme nicht zu markant ist. "Absolute Stille" kann generell sehr verunsichernd auf Kaninchen wirken

Verteilen Sie das Futter im Kaninchenrevier, u.a. aus – in der Nähe des Unterschlupfes, in den das Tier sich zurückgezogen hat; aber weit genug vom Eingang entfernt, damit es sich zumindest herausrecken muss, um an einen Leckerbissen zu gelangen.

Entfernen Sie sich dann langsam und setzen Sie sich möglichst weit entfernt auf den Boden. Anschließend sollten Sie sich möglichst wenig und langsam bewegen, jedoch per Lautäußerung zu erkennen geben, dass Sie da sind. Wichtig ist, dass Sie solange sitzen bleiben, bis das Kaninchen sich herauswagt – ansonsten lernt es schnell, dass Sie ohnehin verschwinden, wenn es lange genug wartet, und wird diese Erkenntnis künftig nutzen.

Traut das Kaninchen sich schließlich aus seinem Unterschlupf, muss es von Anfang an begreifen, dass es normal und ungefährlich ist, wenn Sie sich in der Nähe aufhalten. Sprechen Sie also weiter, als wäre nichts gestehen, und starren Sie nicht in seine Richtung. Bleiben Sie ganz still sitzen, da es jede Bewegung als Drohsignal auffassen könnte.

Es ist wahrscheinlich, dass das Kaninchen vorsichtig herauskommt, sich ein Stück Futter schnappt und damit wieder im Unterschlupf verschwindet. Je nachdem, wie lange die Prozedur gedauert hat, sollte die Übung direkt fortgesetzt oder erst einmal beendet werden: Hat das Kaninchen lange gebraucht, um sich zu dem “Schritt vor die Tür” zu überwinden, ziehen Sie sich langsam zurück, sobald es mit dem Futter wieder verschwunden ist. Damit stellen Sie sicher, es nicht zu überfordern. Hat das Tier hingegen relativ schnell Mut gefasst, ist es wahrscheinlich, dass es sich auch noch auf ein zweites Futterstückchen “einlässt”; in diesem Fall scheint es nicht sonderlich unter Stress zu stehen, und Sie dürfen bedenkenlos noch eine Zeitlang sitzen bleiben. Entfernen Sie sich aber grundsätzlich nur, während sich das Kaninchen gerade im Häuschen befindet, um es nicht zu erschrecken.

>Festigung:Beginnt das Kaninchen außerhalb seines Unterschlupfes zu fressen, scheint es sich nicht mehr an Ihrer Anwesenheit zu stören. Dann ist es an der Zeit, es allmählich an Bewegungen und Blickkontakt zu gewöhnen: Schauen Sie hin und wieder zu ihm hinüber, anfangs nur einen kurzen Moment lang, dann etwas länger. Blinzeln Sie dabei auffällig, dies wird von Tieren grundsätzlich als Beschwichtigungssignal interpretiert.

Kombinieren Sie die Augen- allmählich mit langsamen Kopfbewegungen. Halten Sie inne und senken Sie den Blick oder schließen Sie die Augen, sowie das Kaninchen erste Anzeichen von Nervosität (Innehalten beim Fressen, Erstarren, Trommeln, Ohrenspitzen, Männchenmachen, Augenweiten) zeigt. Hat es sich beruhigt, warten Sie einige Sekunden, ehe Sie fortfahren. Die Länge der Trainingseinheit richtet sich danach, wie schnell das Kaninchen “dazulernt”: Empfindet es Ihren Blick und Ihre Bewegungen schnell als nicht mehr beachtenswert, können Sie der Einprägung halber ruhig über einen längeren Zeitraum hinweg sitzen bleiben und fortfahren. Ist es hingegen nach fünf Minuten noch immer sichtlich nervös, sollten Sie es fürs Erste dabei belassen.

Versuchen Sie, sich so unauffällig wie möglich zurückzuziehen; d.h. mit sehr langsamen Bewegungen, ohne in Richtung Kaninchen zu schauen; bestenfalls ohne sich aufzurichten, da dies auf ein scheues Kaninchen meist bedrohlich wirkt.

Wiederholen Sie die Übung je nach Stresssituation des Kaninchens zwei- bis maximal dreimal täglich.

Steigerung: Das Kaninchen akzeptiert jetzt die Anwesenheit von Menschen, solange diese weit genug entfernt sind und auf dem Boden sitzen – also “klein” wirken. Die Angst vor aufrecht stehenden Menschen nehmen Sie dem Tier, indem Sie Phase 1 mit einer kleinen Änderung versehen:

Wenn Sie das nächste Mal darauf warten, dass Ihr Kaninchen sich aus dem Unterschlupf traut, setzen Sie sich dabei auf einen Stuhl. Verhalten Sie sich ansonsten wie gewohnt. Zeigt das Kaninchen Anzeichen der Entspannung (s.o.), steigern Sie den “Schwierigkeitsgrad”, indem Sie sich ab dem nächsten Mal hinstellen. Der letzte Teil der Übung besteht darin, in der Ferne parallel zum Kaninchen auf- und ablaufen zu können, ohne dass es nervös reagiert.

Phase 2:

Das Kaninchen akzeptiert Ihre Anwesenheit, Bewegungen und Blickkontakt aus der Ferne. Es ergreift jedoch die Flucht, sobald man sich ihm nähert.

Einführung: Sie sollten auch bei dieser Übung ständig in ruhiger, gedehnter Stimme mit dem Kaninchen sprechen. Sollte es darauf sehr sensibel reagieren, lassen Sie im Hintergrund zusätzlich ruhiger Musik oder "Natur-Geräusche" laufen, dann wirkt Ihre Stimme weniger markant. "Absolute Stille", wie sie v.a. in Innenhaltung möglich ist, kann generell sehr verunsichernd auf Kaninchen wirken. Für diesen Schritt gibt es zwei Varianten, die sie im Wechsel anwenden können.

Variante A:

Am wenigsten bedrohlich wirken Sie auf das Kaninchen, wenn Sie sich möglichst klein machen – also auf dem Boden sitzen. Dies sollten Sie sich auch zu Beginn der Phase 2 wieder zunutze machen: Bewegt sich das Kaninchen das nächste Mal außerhalb seines Unterschlupfes, während Sie es sitzend aus der Ferne beobachten, bewegen Sie sich sitzend langsam auf es zu.

Je nach Nervositätsgrad des Tieres kann es fürs Erste bereits ausreichen, die Beine in seine Richtung auszustrecken. Sobald es sich davor nicht mehr fürchtet, “rutschen” Sie im Zeitlupentempo in seine Richtung. Reden Sie dabei wie gewohnt mit beschwichtigender Stimme, führen Sie keine hektischen Arm- oder Kopfbewegungen aus und starren Sie das Tier nicht an. Halten Sie inne, sobald es nervös wirkt, und warten Sie auch dann, wenn es sich wieder entspannt hat, eine halbe Minute, ehe Sie fortfahren. Ansonsten wird das Kaninchen lernen, dass Sie seine Entspannung sofort “ausnutzen”, um sich wieder zu bewegen.

Reagiert das Kaninchen immer wieder nervös auf Ihr Näherkommen, setzen Sie dieses nicht länger als fünf Minuten fort. Anschließend weichen Sie auf dieselbe Weise zurück, wie Sie sich zuvor genähert haben. Entfernen Sie sich möglichst nicht, wenn das Tier gerade in ein Versteck geflüchtet ist – sonst lernt es schnell, dass es die “Gefahr” durch Flucht sofort los wird, und das weitere Training wird unnötig erschwert. Sollte es trotz aller Behutsamkeit einmal vorkommen, dass das Kaninchen erschrocken vor Ihnen flüchtet, bleiben Sie entspannt an Ort und Stelle sitzen, bis es sich wieder herauswagt. Verändern Sie dabei nicht Ihre Sprechweise! Das Kaninchen soll lernen, dass sich eigentlich überhaupt nichts verändert hat und die Flucht daher überflüssig war.

Variante B: Nachdem Sie das Futter verteilt haben, setzen Sie sich in geringerer Entfernung als gewohnt auf den Boden. Immer, sobald das Kaninchen darauf entspannt reagiert, können Sie die Entfernung weiter verringern. Wenn Sie die Übung beenden, sollten Sie sich zunächst sitzend vom Kaninchen entfernen, ehe Sie aufstehen, um es nicht zu erschrecken.

Festigung & Steigerung: Flüchtet Ihr Kaninchen nicht mehr, sobald es Sie sich in sein Sichtfeld begeben, sondern ausschließlich bei Annäherung, ist dies bereits ein großer Schritt nach vorn.

Nun können Sie es Schritt für Schritt daran gewöhnen, ihre Annäherung in aufrechter Position zu akzeptieren. Zu diesem Zweck bewegen Sie sich zunächst nicht direkt auf es zu: Laufen Sie schlangenlinienförmig in Richtung Kaninchen und halten Sie wie üblich an, sobald es Anzeichen von Nervosität zeigt. Von diesem Zeitpunkt sollte es wiederum vorerst bei nicht mehr als fünf Minuten weiteren Trainings bleiben. Beenden Sie die Übung immer, während das Kaninchen gerade entspannt ist; auf diese Weise verknüpft es Entspannung mit Belohnung, nämlich “in Ruhe gelassen werden”.

Die Trainingseinheit gilt als bestanden, wenn Sie sich dem Kaninchen bis auf rund zwei Meter annähern können, ohne dass es die Flucht ergreift.

Phase 3:

Das Kaninchen ergreift die Flucht, sobald man ihm zu nahe kommt und/oder die Hand nach ihm ausstreckt.

Einführung: In dieser Phase hat das Kaninchen zwar begriffen, dass es vor einem Menschen nicht zwangsläufig zu flüchten braucht – doch es empfindet unmittelbare Nähe noch immer als Bedrohung. Es lässt sich daher nicht aus der Hand füttern und nicht berühren.

Handscheue Kaninchen “ködern” Sie am besten, indem Sie ihm seinen Leckerbissen “aus der Ferne” übergeben und sich ihm dabei mit der Hand kaum merklich annähern. Besonders geeignet sind hierzu lange Äste und Zweige; alternativ befestigen Sie einen Leckerbissen an einem – abhängig davon, wie nahe das Kaninchen Ihre Hand toleriert – mehr oder weniger langen Stab oder einer Stange. Bewegen Sie sich soweit auf das Kaninchen zu, wie es Ihnen erfahrunsggemäß möglich ist, ohne dass es bereits beunruhigt reagiert. Hocken Sie sich langsam auf den Boden und halten Sie ihm den Leckerbissen entgegen.

Während das Kaninchen frisst, lassen Sie das Hilfsmittel in Ihrer Hand ganz allmählich nach hinten rutschen, sodass das Tier sich annähern muss, um weiterfressen zu können. Auch hierbei gilt: Ab den ersten Anzeichen von Unbehagen sollten Sie vorerst nicht mehr als fünf Minuten weiterüben und die Übung während dieser Zeit auch nur steigern, während das Kaninchen entspannt wirkt.

Um die Übung zu beenden, warten Sie einen Moment ab, in dem das Tier entspannt wirkt, um den Ast bzw. Stab ganz langsam am Boden abzulegen. Anschließend entfernen Sie sich rückwärts, ohne dabei aufzustehen – damit würden Sie das Risiko eingehen, das Kaninchen zum Abschluss der Übung noch einmal zu erschrecken, was ihm in Erinnerung bleiben und die nächste Übung verkomplizieren würde.

Festigung & Steigerung: Bei korrekter Durchführung sollte sich die Übung von sich aus steigern: Das Abstand zwischen Hand und Kaninchen kann von Übung zu Übung immer weiter verringert werden. Mit der Zeit können Sie kürzere “Griffe” verwenden oder von vornherein weiter vorne anfassen, um bereits auf einem höheren Niveau zu beginnen. Ast, Stab oder Stange lässt sich früher oder später durch eine lange Karotte, ein prächtiges Blatt oder einen Strauß Möhrenkraut ersetzen.

Gerät das Kaninchen schließlich mit Ihrer Hand in Kontakt, kann es auf zweierlei Weise reagieren:

Schrickt es hingegen nach einem kurzen Schnuppern an der Hand zurück und hoppelt davon, ist es durch den Geruch Ihrer Hand noch stark beunruhigt. In diesem Fall kann es helfen, die Hände vor dem Training mit duftendem Heu oder Gemüse einzureiben oder reichlich frisches Grün zu pflücken. Diese Prozedur führen Sie mit der Zeit immer weniger intensiv durch. Verzichten Sie zunächst auf Parfum- oder anderweitig “unnatürliche” Gerüche an Ihren Fingern – auch frisch gewaschene Hände riechen evtl. zu stark nach Seife.

Ist Futtergeruch allein nicht ausreichend, um das Kaninchen von der Harmlosigkeit Ihrer Finger zu überzeugen, vermitteln Sie ihm diese Information durch “unterwürfige” Gesten: Sowie das Kaninchen sich vorgestreckt und auch nur einen Hauch von “Menschengeruch” aufgenommen hat, ziehen Sie die Hand zügig – nicht ruckartig! - zurück. Die Bewegung sollte dabei schräg gen Boden ausgeführt werden, um möglichst wenig bedrohlich zu wirken. Nach einigen Wiederholungen hat das Kaninchen gelernt, dass es vor Ihrer Hand nicht zurückschrecken muss, da sie sowieso sofort wieder “verschwindet”. Sie können nun mit jeder Trainingseinheit einen kleinen Moment länger zögern, ehe Sie die Hand zurückziehen; versuchen Sie nur, dem Kaninchen "zuvorzukommen".

Hat sich die Übung ein wenig eingeprägt, können Sie damit beginnen, die nun bereits viel harmloser wirkende Hand zu etwas aus Kaninchensicht Positivem zu machen. Legen Sie zu diesem Zweck einige Leckerbissen wie Samen oder kleine Obststückchen auf Ihre Finger strecken Sie dem Kaninchen langsam die Hand entgegen, ehe Sie sie vorsichtig uf dem Boden ablegen. Reckt das Kaninchen sich nach vorn, lassen Sie es wie gewohnt kurz schnuppern, ehe sie die Hand zurückziehen – lassen Sie dabei jedoch einige Leckerbissen auf dem Boden zurück. Nach einigen Trainingseinheiten sollte das Kaninchen Ihnen die Leckerbissen direkt von der Hand abnehmen. Hierbei gilt: Je weiter Sie das Futter gen Fingerspitzen schieben, je “ungefährlicher” Ihre Hände riechen und je begehrter der Leckerbissen, desto schneller wird Ihr Tier Fortschritte machen.

Phase 4:

Das Kaninchen flüchtet, sobald man es berühren möchte.

Einführung: Der erfolgreiche Abschluss von Übung 3 ist die Grundvoraussetzung, um ein Kaninchen an Berührungen zu gewöhnen. Nutzen Sie den zugleich lockenden, ablenkenden und positiv verstärkenden, d.h. belohnenden Effekt des Futters: Füllen Sie Ihre hohle Handfläche mit reichlich Leckerbissen und strecken Sie sie den Kaninchen entgegen. Dabei sollten Sie mit dem Daumen bereits kraulende Bewegungen vollführen, ehe Sie das Kaninchen tatsächlich berühren, damit es vor der unrwarteten Bewegung nicht erschrickt.

Beginnt es zu fressen, nähern Sie den “kraulenden” Daumen ganz allmählich seiner Stirn an und berühren Sie zunächst nur die Haarspitzen. Warten Sie, bis das Kaninchen beim Fressen selber mit seinem Kopf an Ihren kraulenden Daumen stößt. Zeigt es auf diese Berührung keine Reaktion, können Sie den kreisenden Daumen aktiv ein wenig senken, bis Sie seine Stirn sanft berühren. Halten Sie stets inne, sobald das Kaninchen verunsichert wird, und fahren Sie erst fort, wenn es sich mindestens zehn Sekunden lang wieder entspannt verhält. Reden Sie während der gesamten Übung ruhig und langsam mit dem Tier und vermeiden Sie mehrsekündigen direkten Blickkontakt.

Zu Beginn wird das Kaninchen vermutlich bei jeder neuerlichen Berührung nervös den Kopf heben oder zurückziehen. Dehnen Sie die Übung dann auf nicht mehr als fünf Minuten aus und gewähren Sie ihm immer wieder halbminütige Pausen, in denen Sie den Daumen nicht bewegen, sondern nur ruhig über seine Stirn halten. Beenden Sie die Übung in einer Entspannungsphase. Hierzu bewegen Sie die Hand gen Boden und legen dort langsam das restliche Futter ab. Anschließend ziehen Sie ruhig den Arm zurück und entfernen sich so gefühlvoll, d.h. die ersten Meter möglichst ohne aufzustehen, dass das Kaninchen keinesfalls zusätzlich beunruhigt wird.

Festigung & Steigerung: Verhalten Sie sich fortan bei jeder Fütterung wie oben beschrieben. Akzeptiert das Kaninchen die Berührung ohne jegliche Scheu, können Sie allmählich versuchen, den Finger von seiner Stirn weiter den Kopf hinauf wandern zu lassen und es sanft zwischen den Ohren zu streicheln. Wie bei jeder Übung gilt auch hier: Steigern Sie nichts, solange das Tier nervös wirkt! Fahren Sie auf gleichem Niveau fort, als wäre nichts gewesen, bis das Kaninchen sich wieder entspannt. Zehn Sekunden danach ist eine leichte Steigerung erlaubt.

Steigern Sie sich im Laufe der Zeit vom Kopf in den Nacken, über die Flanken und den Rücken. Erst, wenn das Kaninchen Berührungen am ganzen Körper als nicht weiter beachtenswert oder sogar angenehm empfindet, sollten Sie mit dem Training fürs Hochheben beginnen.

INFO: Streicheln ja – hochnehmen nein?