Der richtige Umgang



Streicheln ja — hochnehmen nein?

Geborgenheit durch Gesellschaft

Das Kaninchen besitzt natürlicherweise zahlreiche Fressfeinde und reagiert daher instinktiv mit Fluchtversuchen auf jegliche Art des Festhaltens. Bleibt ein Kaninchen ruhig auf dem Arm sitzen, mag es für den Laien zufrieden wirken, allerdings lässt sich aus der vermeintlichen Ruhe lediglich schlussfolgern, dass das Tier, sofern es sich nicht in einer von Todesfurcht zeugenden Angststarre befindet, keine Panik empfindet. Dies wiederum bedeutet natürlich keineswegs, dass es sich in diesem Moment wohlfühlt! In den meisten Fällen hat es mit der Zeit gelernt, dass es sich durch Unruhe nicht befreien kann, da der Mensch stärker ist, und duldet das Festgehaltenwerden daher ohne Gegenwehr. Grundsätzlich gilt: Möchte das Kaninchen einen solch engen Körperkontakt zu seinem Besitzer, springt es ihm von sich aus auf den Schoß oder „bittet“ durch sanfte Nasenstupser um Streicheleinheiten. In diesem Fall ist es selbstverständlich auch nicht notwendig, es festzuhalten. Sämtliches „Zwangsstreicheln“ löst beim Tier durch dessen Ohnmacht, sich der Situation entziehen zu können, Stress aus – sei es in Form von Panik, Verängstigung oder auch – bei besonders zutraulichen Individuen – „nur“ Unwillen.

Viele zahme Kaninchen genießen es, sich hin und wieder von ihrem Besitzer streicheln zu lassen; ob in Form einer Stirnmassage, sanftem „Kneten“ der Ohren, Kraulen im Nacken oder seichtem Streichen über den Rücken, ist von Tier zu Tier unterschiedlich. Ist ein Kaninchen in Schmusestimmung, zeigt es dies von sich aus. Es besteht also in keinem Fall ein Grund, es nach Lust und Laune zu schnappen und zu bekuscheln – im Gegenteil sind auch verschmuste Tiere vom Hochnehmen meist ganz und gar nicht begeistert. Durch die Ignoranz dieser Tatsache werden sie sich mit der Zeit zunehmend weniger gern berühren lassen, da das Annähern der menschlichen Hand bei ihnen die negative Assoziation „Festgehaltenwerden“ auslöst.

Lässt sich daraus nun schlussfolgern, dass ein Kaninchen möglichst nie den Boden unter den Füßen verlieren sollte?

Obwohl es den Tieren so sicherlich am liebsten wäre, gibt es leider einige schlagende Argumente, die dagegensprechen. So besteht unter anderem die Gefahr, bestimmte Erkrankungen des Kaninchens über einen langen Zeitraum hinweg nicht wahrzunehmen, wenn man es nicht regelmäßig auf den Arm nimmt. Beispielsweise sind Tumoren im Brust- oder Bauchbereich mit bloßem Auge nicht oder erst in weit fortgeschrittenem Stadium zu erkennen, und auch das Allgemeinbefinden des Tieres verschlechtert sich oftmals erst, wenn es für eine erfolgreiche Therapie bereits zu spät ist. Daher sollten gerade ältere Häsinnen ein- bis zweimal monatlich behutsam auf Schwellungen und Knoten abgetastet werden.

Ein weiteres Problem stellt die Tatsache dar, dass Gewichtsveränderungen meist nur durch das regelmäßige Wiegen (früh) erkannt werden – einem Kaninchen mit durchgehend kurzem, glattem Haarkleid mag der aufmerksame Besitzer einen Gewichtsverlust vielleicht noch ansehen, bei Tieren mit längerem Fell dies selbst bei einer massiven Abmagerung nicht möglich.

Gerade kranke oder anderweitig geschwächte Kaninchen sollten so wenig Stress wie nur irgend möglich erleiden müssen – die Prognose verschlechtert sich anderenfalls unweigerlich. Die Umsetzung dieser Tatsache in die Praxis gestaltet sich jedoch als schwierig, wenn jegliche Art des Festhaltens Angst bei dem Tier auslöst; denn ohne es zwischenzeitig festzuhalten, wird ein Kaninchen weder zum Tierarzt befördert noch von diesem untersucht und schließlich behandelt werden können.

Ich möchte Ihnen aus diesen Gründen dringend ans Herz legen, Ihr Kaninchen zwar so wenig wie möglich festzuhalten, es jedoch behutsam daran zu gewöhnen, seine Furcht allmählich zu bezwingen. Es ist völlig normal, dass dennoch weiterhin Fluchtversuche unternommen werden – allerdings sollten sie dann nicht aus Panik resultieren, sondern aus dem bloßen Unwillen. Das Tier sollte das Hochnehmen als etwas vielleicht Lästiges, aber zugleich völlig Harmloses empfinden. Dies erreichen Sie am besten, indem Sie ebenso beiläufig und entspannt damit verfahren, wie Sie es sich von Ihrem Tier wünschen. Es macht daher wenig Sinn, das Tier in eine Ecke zu treiben und es dann mit einer blitzschnellen Bewegung zu greifen. Gehen Sie es unbedingt sanft an – streicheln Sie Ihrem Schützling beim Fressen erst mit einer, dann mit beiden Händen zu beiden Seiten sanft über den Rücken und umfassen Sie nach einer Weile während einer Streichelbewegung ganz vorsichtig seinen Brustkorb. Falls oder sobald es darauf ohne Schrecken oder Misstrauen reagiert, heben Sie seinen Brustkorb nur ein Stück weit an und lassen gleich danach wieder los. Jedes Mal, wenn Ihr Tier sich nicht daran zu stören scheint, können Sie jeweils einen Schritt weitergehen – nach einiger Zeit heben Sie seinen Körper vollständig vom Boden ab und setzen es nur einen Hoppelsprung weiter wieder auf den Boden, beim nächsten Mal halten Sie es einen kurzen Moment lang auf dem Arm usw.

Üben Sie jedoch nicht ständig. Zwischen den "Trainingseinheiten" sollten Sie das Kaninchen mindestens doppelt so häufig streicheln, ohne es im Anschluss hochzuheben. Auf diese Weise verhindern Sie, dass es Angefasstwerden grundsätzlich mit etwas Unangenehmem verknüpft.

Am "tolerantesten" sind Kaninchen, wenn Sie mit reichlich Futter "entschädigt" werden. Reichen Sie den Tieren also erst einmal etwas zu fressen, beginnen Sie anschließend mit dem Streicheln und fahren Sie mit dem Hochnehmen fort, während das Kaninchen noch ein langes Blatt im Maul hat. Dadurch lernt es nicht nur, dass sich das Anheben mit etwas sehr Angenehmem kombinieren lässt – Sie können auch an seinem Kauverhalten gut erkennen, ob das Tier nervös wird: Unerschrockene Kaninchen mümmeln weiter, als wäre nichts geschehen, während verängstige Kaninchen ihre Kaubewegungen deutlich verlangsamen oder gar einstellen – je stärker die Veränderung, desto unsicherer ist das Kaninchen.

Haben Sie Ihren Liebling wieder abgesetzt, reichen Sie ihm einen ganz besonderen Leckerbissen. Viele Kaninchen reagieren zunächst “verärgert” und hoppeln davon, während sie die Hinterbeine ausschütteln oder sogar einmal auf den Boden klopfen. Nach Möglichkeit sollten Sie sich jedoch erst entfernen, sobald Sie dem Kaninchen seine Belohnung geben konnten; dadurch beenden Sie die Übung mit etwas Positivem. Vergessen Sie nicht: Der letzte Eindruck bleibt – auch beim Tier! Es empfiehlt sich, dem Kaninchen nicht mit seinem Leckerli “nachzulaufen”, sondern ruhig und geduldig darauf zu warten, dass es zurückkehrt. Dadurch vermitteln Sie ihm, dass es sich nicht lohnt, sich vor Ihnen zurückzuziehen – und es im Gegenteil etwas sehr Angenehmes zur Folge hat, zu Ihnen zu kommen.