Hintergrundwissen

Das Gebiss

Geborgenheit durch Gesellschaft

Bild von Kathrin Bandel

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Aufbau

Das Milchgebiss des Kaninchens besteht aus vier Schneidezähnen und zwölf Backenzähnen und wird zwischen der dritten und fünften Lebenswoche gegen das 28 Zähne beinhaltende bleibende Gebiss gewechselt. Im Ober- und Unterkiefer befinden sich dann jeweils vier Incisivi (=Schneidezähne) und sechs Molare (=Backenzähne); zudem verfügt der Oberkiefer über sechs, der Unterkiefer über zwei Prämolare (=Vorbackenzähne).

Hinter dem Schneidezahnpaar des Oberkiefers liegen verborgen zwei weitere, kleinere Zähne, die sogenannten Stiftzähne, welche von Geburt an vorhanden sind und auch den Zahnwechsel überdauern. Diese unterscheiden das Gebiss der Kaninchen von dem der Nagetiere, welche über keinerlei Stiftzähne verfügen.

Lebenslanges Zahnwachstum

Die Schneidezähne (Nagezähne) der Herbivoren, zu denen auch unsere Kaninchen gehören, werden natürlicherweise zum Abtrennen (Pflanzen, Blätter, ...) bzw. Abnagen (Zweige, Möhren, …) von Nahrung eingesetzt.

Die Nahrungszerkleinerung erfolgt vorzugsweise, indem das Futter durch horizontale Bewegungen der Backenzähne zermahlen wird. Dies ist anatomisch dadurch möglich, dass es sich bei dem Kiefergelenk des Kaninchens um ein auf einer Längsfurche basierendes, sogenanntes "Schlittengelenk" handelt.

Infolge der Mahlbewegungen während des Kauvorgangs schleifen sich sowohl die Backen- als auch die Schneidezähne von Ober- und Unterkiefer gegenseitig ab - entgegen der landläufigen Meinung, der Zahnabrieb erfolge durch "hartes Futter" oder "das Benagen von Ästen". Weder Brot, Körner noch Äste oder sonstige Nahrungsmittel sind auch nur annähernd so hart wie Zahnschmelz und können ihn daher unmöglich abreiben.

Im Gegenteil sind Brot, Knabberstangen, Körner usw. massiv gesundheitsschädlich für Kaninchen:

Sie sind für die karger Kost angepassten Tiere viel zu kalorienhaltig; zudem wird das häufig enthaltene Gluten nicht vertragen und kann zu Darmentzündungen sowie Frischfutterunverträglichkeiten führen. Letztlich wirkt die enthaltene Stärke sich negativ auf das Darmmileu aus und begünstigt dadurch Verdauungsstörungen.

Körner, Bissen von der Knabberstangen usw. werden weniger zermahlen als viel mehr durch Quetschbewegungen zerkleinert - dieser unphysiologische Kauvorgang stellt eine Dauerbelastung für die Zahnwurzeln, die Kieferknochen und die Kiefergelenke dar. Nicht selten kommt es in der Folge zu Zahnabszessen, die nur operativ behandelt werden können.

Wurzelgemüse wird ebenfalls durch unphysiologische Quetschbewegungen zerkaut und ist deshalb kritisch zu betrachten. Solange eine reichliche Auswahl an frischen Kräutern und Zweigen zur Verfügung steht, sollte es möglichst nicht bzw. in möglichst kleinen Mengen gefüttert werden, um die Belastung der Knochen und Gelenke möglichst gering zu halten. Leider ist eine gewisse Menge Wurzelgemüse oft unabdingbar - etwa bei Kaninchen mit erhöhtem Energiebedarf oder wenn die Grünfutter-Auswahl eingeschränkt ist (z.B. im Winter oder in der Stadt).

Zweige sind nicht etwa deshalb wichtig, weil das Kaninchen sich "beim Benagen die Schneidezähne abnutzen", sondern stellen aus anderen Gründen ein ausgesprochen wertvolles Futtermittel dar: Zum einen enthalten sie Rohfaser, welche einen langwierigen Kauvorgang und somit einen intensiven Zahnabschliff zur Folge hat. Zum anderen sind sie reich an Nährstoffen, der austretende Harz hat eine antibakterielle Wirkung auf die Zähne und letztlich erfolgt durch das Benagen eine mechanische Reinigung des Gebisses.

Einen ebenfalls positiven Einfluss auf den Zahnabrieb hat die im Wiesengrün enthaltene Kieselsäure. Diese winzigen Kristalle wirken wie Schmirgelpapier auf die Zähne. Mit dem Trocknungsvorgang zu Heu geht ihre Struktur jedoch verloren. Daher ist es für Kaninchen mit chronischen Zahnfehlstellungen von ganz besonderer Bedeutung, dass sie vorwiegend mit Wiesengrün ernährt werden. Leider empfehlen noch immer viele Tierärzte, Zahnpatienten "hauptsächlich mit Heu" zu ernähren...

Dem Zahnabrieb wird durch ein ständiges, lebenslanges Wachstum sämtlicher Zähne entgegengewirkt, wobei die im Unterkiefer befindlichen Zähne schneller wachsen - bei den Schneidezähnen sind es durchschnittlich 2,4 mm bzw. 3,5 mm, bei den Backenzähnen 1,4 mm bzw. 1,5 mm in der Woche. Durch diese anatomische Besonderheit halten sich Wachstum und Abrieb idealerweise gegenseitig die Waage.

Von allen Nahrungsmitteln am besten zum Zahnabschliff geeignet ist langfaseriges Frischfutter wie Gras und Wiesenkräuter. Zwar wird auf Heu gleicher Menge ebenso lange gemahlen, allerdings verliert die im Gras enthaltene Kieselsäure durch den Trocknungsvorgang ihre Wirkung. Zudem sorgt der hohe Flüssigkeitsanteil des Frischfutters dafür, dass das Kaninchen davon eine größere Menge aufnehmen muss als vom Heu, um satt zu werden, und dementsprechend mehr gemahlen wird.

Das Zahnwachstum erfolgt jedoch unabhängig davon, womit die Tiere ernährt werden. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass bei einem Futterangebot, welches die natürlichen Kieferbewegungen nicht in ausreichendem Maße unterstützt, ein übermäßiges Zahnwachstum erfolgt. Dies kann für Kaninchen fatale Folgen haben.

Zahnfehlstellungen und ihre Folgen

Neben erheblichen Behinderungen beim Fressen, die überlange Zähne verursachen, können die Schneidezähne des Unterkiefers bei ungenügender Abreibung ungehindert an den oberen Schneidezähnen vorbei gen Nase oder in die oberen Schneidezähne hinein wachsen und sie grotesk verbiegen. Unphysiologische Belastungen der Zähne, Zahnspitzen sowie Fäulnessprozesse (Karies), die infolge zuckerhaltiger Ernährung enttehen, können zu schweren Zahnfleischentzündungen bishin zu lebensgefährlichen Kieferabzessen führen.

Die Schneidezähne des Oberkiefers hingegen wachsen bei ausbleibendem Anschliff bogenförmig in Richtung Mäulchen. In Extremfällen bohren sie sich bis in den Gaumen hinein.

Zu lange Zähne behindert die Tiere bei der Futteraufnahme oder fügen ihnen im fortgeschrittenen Stadium so massive Schmerzen zu, dass sie die Nahrung verweigern.

Backenzähne entwickeln, fehlt ihnen der Abrieb, oftmals messerscharfe Zahnspitzen, die Maulschleimhaut und Zunge der Tiere verletzen. Auch dies ist mitunter so schmerzhaft, dass die Nahrungsaufnahme eingestellt wird.

Ein Überwuchs der Backenzähne verläuft häufig in Kombination mit einem retrograden (= gen Kieferknochen) Wachstum der Zahnwurzeln, die im Unterkiefer schwere Kieferknochenabszesse verursachen können, im Oberkiefer hingegen häufig in den Tränen-Nasen-Kanal durchbrechen und dadurch eitrigen Augenausfluss hervorrufen.

Beachten Sie: Die Schneidezähne stellen immer einen Spiegel der Backenzähne dar! Schräg abgeschliffene Schneidezähne deuten darauf hin, dass sich der gesamte Kiefer des Tieres in einer Schieflage befindet.

Chronische Zahnfehlstellungen

Sind die Zähne in ihrer Position nicht exakt aufeinander abgestimmt, reiben sie sich auch bei naturnaher Fütterung mangel- oder fehlerhaft gegeneinander ab.

In diesem Fall bleibt dem Besitzer nichts anderes übrig, als die Zähne bzw. Zahnspitzen regelmäßig vom Tierarzt abschleifen zu lassen. Allerdings können die Intervalle, in denen diese für das Tier mit großem Stress verbundene Prozedur nötig ist, durch artgerechte Fütterung (vorzugsweise Wiesengrün; ersatzweise Blattgemüse und Küchenkräuter; zusätzlich Heu) in vielen Fällen entscheidend vergrößert werden.

Eine sorgfältige Beobachtung der Tiere ist in jedem Fall das A und O, um Probleme frühzeitig zu erkennen.

Die Ursachen für chronische Zahnfehlstellungen können genetisch bedingt oder während des Wachstums erworben worden sein.

Genetische Ursache: Insbesondere Zwergkaninchen, denen das sogenannte “Kindchen-Schema” (= kindliches, “niedliches” Aussehen) angezüchtet wurde, leiden durch ihre runde, unnatürlich kurze Kopfform zum Teil unter genetisch bedingten Zahnfehlstellungen, da für ein intaktes Gebiss nicht genügend Platz in der Maulhöhle vorhanden ist.

Erworbene Fehlstellungen: Während des Wachstums, insbesondere in den ersten Lebenswochen, sind die Schädelknochen des Kaninchens noch ausgesprochen verformbar. Ist der Kiefer eines Jungtier durch ungeeignete Futtermittel (z.B. Pellets, Körner, Brot, ...) permanenten Fehlbelastungen ausgesetzt - was v.a. bei Züchtern und anderen Vermehrern sowie in Tierhandlungen oft der Fall ist, da eine möglichst "einfache" Fütterung angestrebt wird - manifestieren sich Veränderungen im Knochenbau, die dem Tier kurz- oder langfristig Probleme bereiten. Minimale Veränderungen bleiben mitunter jahrelang unerkannt, reizen den Knochen aber permanent und verursachen dadurch Spätfolgen.