Gesellschaft durch Artgenossen

Werden einzeln gehaltene Kaninchen zutraulicher?

Geborgenheit durch Gesellschaft

Ein vor allem in der Vergangenheit weitverbreitetes scheinbares Pro-Argument für die Einzelhaltung war, dass das Kaninchen sich ohne Artgenossen enger dem Menschen anschließen würde. Was zunächst wie ein plausibler Grund klingt, beruht näher betrachtet auf purem menschlichen Egoismus: Man enthält seinem Tier bewusst ein wichtiges Bedürfnis vor, um es zu zwingen, aus seiner Not heraus „ersatzweise“ auf den Menschen zurückzugreifen, damit dieser mehr Spaß an seinem Tier hat.

Das Tier wird also sein Leben lang einem psychischen Leid ausgesetzt, weil sein Besitzer das Gefühl haben möchte, sein bester – da einziger – Freund zu sein oder es ganz einfach ein bisschen öfter streicheln will.

Selbst, wenn der oben genannte Mythos zutreffen würde, würde ihn ein ehrlicher Tierliebhaber daher unter keinen Umständen für seine Zwecke nutzen.

Doch paradoxerweise ist in der Realität das genaue Gegenteil der Fall:

Einzeltiere fühlen sich grundsätzlich unsicherer und hilfloser als in Paar- oder Gruppenhaltung lebende Kaninchen, was die Eingewöhnung erschwert und eine erhöhte Stressanfälligkeit zur Folge hat.

Insbesondere Tiere, die während ihrer ersten Lebenswochen nur wenig Kontakt zum Menschen hatten, bleiben häufig ihr Leben lang scheu und werden im schlimmsten Fall sogar bissig.

Ein ruhiger, zutraulicher Artgenosse – insbesondere, wenn er ranghöher ist – kann bei einem verängstigten Kaninchen Wunder bewirken: Nicht selten lässt sich ein solches Tier bereits nach kürzester Zeit „mitreißen“, wenn sein Artgenosse dem Besitzer unbefangen entgegenhoppelt und ihm genüsslich aus der Hand frisst. Aber auch mit einem ebenfalls scheuen Partner sind Kaninchen weitaus mutiger als „auf sich allein gestellt“. Bei diesen Tieren kann man häufig sehr schön beobachten, wie sie jeden Schritt gemeinsam wagen und sich gegenseitig "den Rücken stärken".

Letztendlich hängen die Zutraulich- und Anhänglichkeit eines Kaninchens von dessen Charakter sowie seinen Erfahrungen mit dem Menschen ab. Viele Tiere zeigen dem Menschen gegenüber zwar keinerlei Angst, können mit Streicheleinheiten jedoch nichts anfangen. Andere Kaninchen würden Streicheleinheiten zwar genießen, fürchten sich jedoch ganz einfach vor dem Menschen und weichen ihm daher aus.

Hier sind die ersten Lebenswochen prägend: Wurde eine intensive Beschäftigung mit den Jungtieren "versäumt", kann das Misstrauen der Tiere später nur durch sehr viel Einfühlungsvermögen und Geduld aus der Welt geschafft werden. „Anfänger“ in der Kaninchenhaltung sind mit einer solchen Aufgabe häufig überfordert und sollten sich daher eher für Tiere entscheiden, die an menschlichen Umgang gewöhnt sind.

Es gibt bei jeder Form der Haltung oben beschriebene Kaninchen, die sich aus Streicheleinheiten einfach „nichts machen“, während andere ihren Besitzer regelmäßig mit sanften Nasenstupsern zum Kraulen auffordern; es gibt Einzeltiere, die den Kontakt zum Menschen grundsätzlich meiden, während Gruppen von zehn oder zwanzig Tieren ihren Besitzer regelrecht "überfallen“ können, wenn er sich mit einer Tüte Futter nähert - und ebenso kann es umgekehrt der Fall sein.